Momente

Für welche Momente lebt man?

Ich schreibe den Satz auf, schaue ihn an, zerknülle dann das Papier. Meine Hand liegt nun flach auf dem Tisch. Ich zähle die Falten auf meinem Ringfinger. Es sind über fünfzig. Hände sind faltiger als der Rest des menschlichen Körpers. Vielleicht, weil sie am meisten erleben. Meine Finger haben Ähnlichkeit mit dem zerknüllten Papier. Faltig, weiß und fast durchscheinend.

Ich hebe es vom Boden auf und streiche es wieder glatt.

Für welche Momente lebt man?

Mir hat mal jemand gesagt, dass man ohne Reue leben solle. Aber was ist schon Reue. Wie wird Reue gemessen? In Gedanken, die man an den verstrichenen Moment verschwendet? In Tränen, die man dafür vergießt? Oder in Menschen, die man enttäuscht hat? Es gibt keine Maßeinheit. Keine Skalierung, an die man sich halten könnte. Reue ist wie das Blatt Papier. Blass und durchscheinend und faltig. Reue bleibt nicht ewig. Man wird zusammen alt. Sie vergilbt. Wird kraus an den Ecken.

Ich starre die Worte an. Fahre jeden einzelnen Buchstaben mit meinen Augen nach.

Für.

So ein unschuldiges kleines Wort. Drei Buchstaben. Nicht mehr, nicht weniger. Aber wiegen tun sie schwer. Sie drücken Abhängigkeit aus. Den Wunsch in einem, nicht alleine dazustehen. Nicht ohne Sinn und Zweck durch die Straßen zu wandern. Durch den tiefen Schuld-Kies zu waten, die kleinen Momente aus denen das Leben besteht zu erklettern. Für. Etwas. Jemandem. Ein ständiges Ziel.

Nein, dieses Wort wiegt zu viel.

Ich streiche es durch und ersetze es, füge ein N hinzu.

In welchen Momenten lebt man?

Besser.

Ein Lichtstrahl fällt durch das Fenster. Die Staubkörner tanzen darin. Scheinen sich über die Wärme und Helligkeit zu freuen. Lebe ich in diesem Moment?

Wie lang ist eigentlich ein Moment? Ist er jetzt vorbei? Oder jetzt? Können Momente in Abschnitte geteilt werden oder fließen sie ineinander über? Mir scheint es falsch, Momenten ein Ende zu geben. Keine Einheit, keine Skalierung.

So wie das Leben.

Ich starre auf das Papier. Die Worte verschwimmen vor meinen Augen. Zerfließen in wichtig und unwichtig. In Bedeutungsschwere und Belanglosigkeit. Ich streiche sie durch. Nicht alle. Das wichtige bleibt.

Lebt man?