Das Vermächtnis der Engelssteine: Blutopal – Leseprobe

 

Eigentlich will Ella nur ihren Gehaltscheck aus dem „Burger Inn“ abholen, starrt aber während sie läuft in den Himmel. Er ist so blau und so …

Ich rannte geradewegs in einen Rücken und riss dessen Eigentümer beinahe zu Boden.

„Oh, sorry!“ Ich rieb meine Stirn und sah auf. „Tut mir leid, ich hab nicht aufgepasst.“

Der dunkelhaarige Junge, der sich an eine Wand gelehnt hatte, hatte sich schnell wieder gefangen, beachtete mich aber nicht weiter.

„Macht nichts“, murmelte er und ließ seinen Blick suchend über den Bürgersteig schweifen.

Ich lief weiter, verwirrt darüber, so wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich hatte ihn schließlich praktisch angesprungen! Stirnrunzelnd wandte ich mich noch einmal zu ihm um. Sein Gesicht war immer noch auf den Gehweg und die Ampel gerichtet, während seine Augen über die Umgebung huschten. Auf die andere Straßenseite, zum Burger Inn und wieder zurück. Als suche er etwas, wisse aber nicht genau, was dieses Etwas war. Das war schon recht merkwürdig, wenn man bedachte, dass zusammen mit mir nur eine Frau an der Ampel stand, die ihren Blick auf das Display ihres Handys gerichtet hatte.

Er schien etwas älter als ich zu sein und seine Augen waren fast schwarz. Es fiel mir schwer, seine Iris von den Pupillen zu unterscheiden. Er hatte hohe Wangenknochen und ein markantes Kinn, was ihn arrogant wirken ließ. Seine Lippen waren konzentriert zusammengepresst, während die eine Hand über seinem Kopf an der Wand ruhte und die andere zur Faust geballt an seiner Seite hinab hing. Er schien angespannt, als wäre er bereit, jeden Moment loszulaufen. Wollte er vielleicht jemanden überfallen?

Das wirkte irgendwie schon sehr verdächtig. Mühsam wandte ich mich von ihm ab. Die Ampel sprang gerade auf Grün. Die Frau ging los, immer noch auf ihr Handy starrend, während ich stehenblieb, meine Gedanken bei dem Jungen, den ich fast umgerannt hatte.

Ich schüttelte den Kopf über mich selbst, hob den Fuß und merkte verblüfft, dass die Ampel Rot zeigte. Aber … wie war das möglich? Es war keine Sekunde vergangen. Das musste ein Defekt sein, das … doch ich konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn jetzt sah ich das Auto, das auf die Frau zugeschossen kam.

Der Kopf des Fahrers war im Fußraum verschwunden. Sie würde gleich überfahren werden! Und sie bemerkte es nicht einmal!

Dann passierten mehrere Dinge auf einmal.

Ein Fahrradfahrer klingelte hinter mir, der schwarzhaarige Junge stieß sich von der Wand ab, wurde aber von dem Radfahrer behindert, und auf der anderen Straßenseite entdeckte ich einen hochgewachsenen blonden Mann in schwarzem Anzug. Er war hinter einem Baum hervorgetreten und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, als er auf die Frau in der Mitte der Straße blickte.

Oh mein Gott, die Frau! Sie würde gleich sterben – und niemand konnte ihr helfen!

Ich riss meine Arme hoch und wollte sie warnen, doch bevor auch nur ein Ton über meine Lippen kam, fing mein ganzer Körper an zu kribbeln und zu vibrieren. Als würde mein Blut auf einmal dreifach so schnell durch meine Adern gepumpt. Die Zeit um mich herum schien stillzustehen. Eine Woge der Hitze erfasste mich. Sie fing in meinem Herzen an und breitete sich augenblicklich in meinem ganzen Körper aus, bis in meine Fingerspitzen. Ich bewegte mich nicht und hatte doch das Gefühl, ich müsse eigentlich drei Meter auf die Straße gesprungen sein. Die Frau wurde plötzlich nach vorne geworfen und schlug auf allen Vieren auf dem gegenüberliegenden Bordstein auf, während das Auto über die Stelle rauschte, an der sie gerade noch gestanden hatte.

Mein Herz klopfte so stark, dass mir erst eine Zehntelsekunde später bewusst wurde, dass die Hitze verschwunden war. Das Kribbeln, das Vibrieren – ich hätte es mir auch nur einbilden können, aber … das hatte ich nicht! Irgendetwas war passiert.

Schockiert starrte ich erst auf meine Hände, die immer noch in der Luft hingen, und dann zu der Frau.

Ihr Handy war ihr aus der Hand gerutscht und vor die Füße des Mannes im Anzug geschlittert, der jetzt nicht mehr lächelte. Ganz im Gegenteil. Er starrte mich mit so einer Abscheu an, dass ich automatisch einen Schritt rückwärts stolperte. Er zog etwas aus seiner Sakkotasche und ich hätte fast laut aufgelacht, als ich erkannte, dass es ein glitzernder Dolch war.

Das sollte wohl ein Scherz sein! Was zum Teufel ging hier ab?

Doch ich konnte nicht lange darüber nachdenken, denn der Blonde sprintete los und es stand außer Frage, dass ich sein Ziel war. Panisch und gleichzeitig fest damit rechnend, dass ich gleich aus dem Schlaf hochfahren würde, war ich nicht dazu im Stande, mich zu bewegen.

Wieso sollte ich auch? Der Dolch konnte nicht echt sein. Wer lief heutzutage noch mit einem Dolch herum? Und dann auch noch mit einem, der aussah, als bestünde seine Klinge aus Glas. Das war absurd.

Eine Hand schloss sich eisern um meinen Oberarm. Ich wurde fast von den Füßen gerissen, als an ihm gezerrt wurde.

„Worauf wartest du!“, zischte eine Stimme an meinem Ohr. „Ich will hier keinen Kampf anfangen, jetzt komm schon, lauf!“ Verwirrt blickte ich auf und sah geradewegs in das Gesicht des Jungen mit den schwarzen Augen.

Ich bewegte mich nicht. Ich konnte nicht anders. Das war … was passierte hier gerade?

„Eine Anfängerin, natürlich! Verdammt“, fluchte er und bevor ich wusste, wie mir geschah, verlor ich fast den Boden unter den Füßen. Halb tragend, halb schleifend bugsierte er mich um die nächste Biegung. Ich konnte seine schweren Schritte auf dem Asphalt der Gasse hören, doch das waren nicht die einzigen, die ich wahrnahm. Hinter uns war ein zweites Paar Füße zu hören.

„Lauf, verdammt nochmal!“, brüllte der Junge jetzt und diesmal erzielte er eine Wirkung. Meine Starre löste sich und ich rannte Schulter an Schulter mit ihm, so schnell mich meine Füße trugen, weiter in die Gasse hinein. Doch die Schritte, die uns verfolgten, schienen immer lauter zu werden. Wir durchquerten den Hof des Bäckers und der Junge zerrte mich nach rechts auf einen weiteren Gang zu …

„Nein!“, schrie ich und wollte ihn zurückhalten. „Nein, wir müssen links, dass hier ist eine …“ Doch es war zu spät. Er war stärker als ich und hatte mich bereits in den schmalen Gang katapultiert, in dem kaum zwei Menschen nebeneinanderstehen konnten. Wir befanden uns in einer Sackgasse und die Schritte hinter uns hielten inne.

Der Junge atmete zischend aus, doch es war kein ängstlicher Laut. Es klang eher … entnervt. So als würde er von wichtigeren Dingen abgehalten.

„Nur mein Glück …“, hörte ich ihn leise flüstern, als er sich langsam um seine eigene Achse drehte. Er hielt mich immer noch fest, deshalb war ich gezwungen, seiner Bewegung zu folgen.

Der blonde Mann im Anzug stand keine drei Meter entfernt und war so groß und breit, dass mein Kopf automatisch ausschloss, dass wir an ihm vorbeirennen könnten.

„Wie unaufmerksam von mir, nicht auf das Mädchen zu achten“, sagte er mit fast musikalischer Stimme und seine Augen fixierten mich. Er kratzte sich mit dem Daumen über ein rotes Tattoo an seinem Handgelenk, das ich nicht genau erkennen konnte.

Oh mein Gott. Die Angst, die sich in meinem Magen ausbreitete, war mit nichts zu vergleichen, was ich je in einem Traum verspürt hatte. Sie war so greifbar wie ein Schlag gegen meine Schläfe.

„Ich hätte schwören können, es gehört nicht zu euch …“, sprach der Mann weiter und machte einen Schritt auf uns zu. Der Junge ließ meinen Arm los und verlagerte sein Gewicht. „Ihr werdet auch immer jünger.“ Der hochgewachsene Blonde hielt den Dolch jetzt auf Hüfthöhe und sein Gesicht spiegelte sich verzerrt in der Klinge.

Ich war mir sicher, dass ich gleich in Ohnmacht fallen müsste. Gott, ich wollte sogar in Ohnmacht fallen! Ich wollte nicht bei Bewusstsein sein, wenn mir ein Messer in die Brust gerammt wurde.

„Immer jünger und immer schneller“, murmelte es neben mir und bevor ich auch nur noch einen Atemzug nehmen konnte, stieß der Junge sich heftig mit einer Hand von meiner Schulter ab. Er schien für eine Millisekunde an der Wand entlangzulaufen, über den Mann hinweg, bis er ihm von hinten eine Hand in den Nacken drückte.

Mir blieb nicht einmal Zeit, den Mann schockiert dabei zu beobachten, wie er erst auf die Knie und dann auf sein Gesicht fiel. Von der Kraft des Arms auf meiner Schulter war ich schmerzhaft nach vorne weggesackt, doch ich wurde von dem Schwarzhaarigen wieder auf die Füße gezogen und weitergezerrt, an dem Mann vorbei durch den Hof des Bäckers, in die nächste Gasse, durch weitere schmale Gänge. Meine schwere Umhängetasche schlug mir schmerzhaft gegen die Hüfte, doch ich rannte einfach weiter. Ich wusste nicht wie lange, doch das war egal. Meine Lungen brannten und meine Kniescheiben taten an den Stellen weh, an denen ich auf den Asphalt aufgeschlagen war, doch auch das war egal. Ich wollte weg. Musste weg. Das war alles … das konnte nicht …

„Bleib stehen … bleib stehen!“

Ruckartig kam ich zum Halten. Ich war um eine Ecke geschlittert, doch bevor ich hatte weiterlaufen können, hatte der Junge mich am Handgelenk gepackt. Der Hof, der sich vor uns erstreckte, war von den umliegenden hohen Häusern in vollkommenen Schatten getaucht.

Vornübergebeugt hielt ich mir die schmerzenden Rippen und nur mein letzter Rest Stolz hielt mich davon ab, mich keuchend auf den Boden zu legen und meine Augen zu schließen. Ich konnte allerdings nicht umhin, zu bemerken, dass meinem Gegenüber nicht einmal die Puste ausgegangen war.

„Ist er … ist er … ist er weg?“

Der Junge nickte und jetzt merkte ich, wie er mich wütend anstarrte. Als wäre es meine Schuld, dass wir von einem verrückten Dolchträger verfolgt worden waren. Langsam richtete ich mich wieder auf.

„Was ist los mit dir!“, fluchte er und ließ mein Handgelenk los. „Bist du verrückt? Warum zum Teufel hast du dich nicht bewegt? Wolltest du, dass er dich umbringt?“

Ich blinzelte. Ich war zu verblüfft, dass er tatsächlich etwas an meinen Reaktionen auszusetzen hatte, um zu antworten. Ich fand, dass ich in Anbetracht der Umstände ganz gut reagiert hatte. Ich hatte mich weder übergeben noch war ich zusammengebrochen. Nicht, dass das nicht noch kommen könnte.

Er teilte meine Meinung nicht, dass konnte ich daran erkennen, dass seine Augen glühten wie entfachte Kohlen. „Was machst du überhaupt hier?“, fuhr er mit seiner Tirade fort. „Es war mein Auftrag! Jetzt ist der Zayat weg und ich muss schon wieder Babysitter spielen …“ Genervt fuhr er sich durch die Haare, die ihm vom Kopf abstanden und sich über seine Ohren kräuselten.

Ich starrte ihn einfach nur weiter an. Es war, als würde er eine fremde Sprache sprechen. Als wäre er Einstein und würde versuchen, mir die Relativitätstheorie zu erklären.

Zayat?

Auftrag?

Ich öffnete meinen Mund, doch ich wusste wirklich nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich hatte ehrlich gesagt Angst, dass, wenn ich versuchen würde zu sprechen, keine Worte, sondern doch noch mein Mageninhalt hochkommen würde.

„Kannst du nicht reden, oder was?“

Der Blick des Jungen glitt forschend über mein Gesicht und ich wollte nicht wissen, was er da sah.

Er atmete kurz durch und schloss seine Augen, dann lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Entschuldige. Du siehst verängstigt aus. War das dein erster Auftrag? Wie heißt du? Ich bin Gabe.“

Ich blinzelte erneut. Einmal. Zweimal. Dann:

„Was!?“ Das Blut pochte in meinen Ohren und mir wurde auf einmal schwindelig. „Ich meine, ich …“ Ich schüttelte den Kopf, als könne ich so seine Worte in eine sinnvolle Kombination bringen. Doch nichts half.

„Nein“, murmelte ich schließlich. „Ich bleibe bei: was!?“

 

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