Das Vermächtnis der Engelssteine: Todessaphir – Leseprobe

Prolog

 

Menschen verlangen immer nach der Wahrheit.

Sie wollen das Verborgene sehen, suchen nach Erklärungen und Vorhersagen. Aber sie ahnen nicht, wie schwer die Wahrheit auf ihnen lasten kann. Ich wusste es auch nicht.

Jetzt kenne ich sie und kann nicht mehr zurück.

 

 

 

Kapitel 1

 

Blut quoll aus meinen aufgeschürften Fingerknöcheln und tropfte auf den Boden. Ein dumpfer Schmerz pochte auf meiner Haut, doch ich kümmerte mich nicht darum.

Meine Faust fuhr erneut nach vorn und traf den Angreifer unterm Kinn.

Für den Tod meiner Mutter.

Ich rammte meinen Ellenbogen in seine Nierengegend.

Für all die Geheimnisse, die man vor mir versteckt hatte.

Ich drehte mich einmal um die eigene Achse und stieß mit dem Fuß gegen die Mitte seines Körpers. Er flog zurück und krachte gegen die Tür.

Dafür, dass ich seit drei Wochen hier unten festhing. Dafür, dass ich schon längst nach Killian suchen könnte, um ihn zu bestrafen.

Ich wollte in sein Gesicht sehen, während ich ihn tötete. Wollte Reue in seinem Blick sehen. Reue für das, was er meiner Mutter angetan hatte. Wollte ihn leiden sehen.

Meine Muskeln brannten bei jeder Bewegung – doch es war mir egal. Schwer atmend ließ ich die Arme sinken, wischte das Blut von meinem Handrücken ab und starrte auf die zusammengesunkene Gestalt vor mir.

Der Sandpuppe, an der ich trainiert hatte, war der Kopf in einem merkwürdigen Winkel nach hinten gefallen und die Beine standen gespreizt von ihrem Körper ab. Ich wünschte mir, es wäre ein Engel. Wünschte mir, dass ich meinen Dolch durch die starre Haut schlagen und alles, was in den letzten Wochen geschehen war, für ein paar Momente verdrängen könnte. Dass der Schmerz anderer meinen eigenen nehmen könnte.

»Ella?«

Es klopfte an der Tür, doch bevor sie sich öffnen konnte, sandte ich meinen Schild aus, um sie fest verschlossen zu halten.

»Es ist alles okay«, sagte ich laut, doch meine Stimme klang nicht nach mir selbst. Sie war kühl und schien aus weiter Ferne zu kommen. »Niemand will mich umbringen, Gabe. Lass mich in Ruhe.«

Für einen Moment war es ruhig. Nicht einmal die Türklinke bewegte sich, als wüsste Gabe, dass er ohnehin nicht würde eintreten können.

»Es gibt Mittagessen«, sagte er ruhig. »Du solltest …«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Ella …«

»Geh, Gabe!«, rief ich wütend und konnte nach einem kurzen Seufzer hören, wie sich seine Schritte entfernten.

Ich hatte nicht gelogen. Ich hatte keinen Hunger. Seit dem Tod meiner Mutter fühlte sich essen wie eine Verschwendung meiner Zeit an.

Drei Wochen war es her, dass sie vor meinen Augen gestorben war. Drei Wochen, in denen meine Träume von dem Lächeln heimgesucht wurden, das der Erzengel Killian mir zugeworfen hatte, als sein Dolch nach unten in ihre Mitte gefahren war. Drei Wochen, in denen ich zwischen Verzweiflung, Hass und Wut hin- und hergerissen worden war. Mein Herz war fast taub von all den Empfindungen, durch die es sich jede Sekunde kämpfen musste.

Das alles fühlte sich so surreal an.

War es wirklich erst anderthalb Monate her, dass Gabe mich vor einem Zayat gerettet und mir verkündet hatte, ich sei ein Halbengel?

Und nicht einfach nur ein Halbengel, sondern auch noch der letzte existierende.

Es konnte unmöglich erst drei Wochen her sein, dass ich auf meinem Abiball mit Gabe getanzt und mit meiner Mutter gelacht hatte. Es kam mir vor, als hätte ich innerhalb der letzten Monate bereits zwei Leben hinter mich gebracht.

Und ich würde alles rückgängig machen, wenn ich könnte. Ich würde meine Engel-Fähigkeiten sofort aufgeben, wenn ich nur noch einmal mit meiner Mutter sprechen könnte.

Ich hatte so viele Fragen.

Über meinen Vater, den ich nie kennengelernt hatte. Ob er lebte, von mir wusste. Darüber, warum sie so viele Einzelheiten von Killians Plan, alle Menschen Engel werden zu lassen, gekannt hatte. Wieso sich Killian überhaupt so für sie interessiert hatte.

Was es mit dem Blutopal auf sich hatte.

Automatisch fuhr ich mit der Hand auf meine Brust und ertastete das Medaillon, auf dem der Kompass mit zwei Zeigern eingraviert war. Das Medaillon mit dem Blutopal darin. Der Grund, warum das alles überhaupt passiert war. Ein roter Stein, den Killian anscheinend brauchte, um seinen Plan zu verwirklichen.

›Blutopal‹ war auch das letzte Wort aus dem Mund meiner Mutter gewesen. Was hatte sie mir sagen wollen? Was der Blutopal konnte? Wofür man ihn benutzte? Und dann war da noch die wichtigste Frage: Wie konnte ich Killian vernichten?

Denn er musste sterben.

Einfach aus dem schlichten Grund, dass er die Verantwortung dafür trug, dass ich mich jeden Abend fragte, was mit dem Körper meiner Mutter passiert war. War sie gefunden worden? Begraben? Hatte es eine Beerdigung gegeben?

Ich hätte vermutlich jemanden danach fragen können, doch ich verspürte keinen Drang, mit irgendwem zu reden. Nicht mit Gabe und nicht mit Akasha. Mit niemandem.

Alle sahen mich mitleidig oder ängstlich an und ich war es leid, mich während des Essens von allen Seiten begaffen zu lassen.

Mich verfolgten schon genug Blicke bis in den Schlaf und hielten mich davon ab, meine Augen allzu lange zu schließen. Wenn ich nicht im Übungsraum war und gegen andere Todesengel kämpfte, war ich in meinem Zimmer und machte Zielübungen an der albernen Puppe, die Gabe mir aufgedrängt hatte.

Ich hatte keine Tränen mehr übrig und ich duldete sie auch nicht mehr.

Ich musste besser werden. Nein, nicht besser. Die Beste. Ich musste die Beste werden. Besser als alle Engel, besser als Killian. Stärker als Killian. Ich wollte sein gleichgültiges Gesicht erbleichen sehen, weil er Angst vor mir hatte. Mein Drang nach Rache war so unendlich groß geworden, dass dieses Gefühl alle anderen überlagerte und meinem Körper als zusätzliche Energiezufuhr diente.

Normalerweise wäre ich nach einem so trainingsreichen Vormittag schnell erschöpft gewesen. Mittlerweile machte es mir kaum noch etwas aus. Vielleicht hatten alle recht gehabt, als ich vor einem Monat noch so große Probleme damit gehabt hatte, meinen Schild richtig zu verwenden. Die Motivation war einfach nicht groß genug gewesen.

Doch jetzt?

Es klopfte erneut. Diesmal war es Ians Stimme, die durch das Holz drang. »Ella, kann ich bitte reinkommen?«

Ich starrte die Tür an, unfähig zu antworten. Meinen Schild hielt ich weiterhin gegen sie gepresst.

Ich konnte es nicht ertragen, ihn anzusehen. Solange ich lebte, hatte Ian meine Mutter geliebt. Er war so etwas wie ein Vater für mich und den gleichen Verlust in seinen Augen zu sehen, den ich verspürte …

»Ella«, sagte er wieder, diesmal leiser. »Bitte, lass mich rein.«

Doch ich ließ meinen Schild nicht sinken. Stumm stand ich mit erhobenen Händen da und zwang den Schmerz, der erneut von meinem Inneren Besitz nehmen wollte, weiter nach hinten.

Wie gerne wäre ich jetzt ein ganzer Engel gewesen. Engel hatten keine Gefühle. Sie empfanden keine Liebe, kein Mitleid, keine Reue.

Auf einmal wurden meine Beine unendlich schwer und ich ließ mich auf das Bett sinken. Die Puppe aus Sand lag immer noch vor der Tür, doch ich machte keine Anstalten, sie aufzuheben.

Ich war müde und doch wollte ich nicht schlafen. Im Schlaf konnte ich meine Gedanken nicht kontrollieren.

Stattdessen griff ich nach der Handtasche, die neben meinem Kopfkissen lag, und holte ein Foto daraus hervor. Es zeigte mich im Alter von sechs Jahren, wie ich in unserem Hausflur vor meiner Mutter stand. Wir beide trugen ein Engelskostüm und ein breites Lächeln. Das Foto hatte mir Mama am Tag meines Abiballs geschenkt. Es war das letzte, das sie mir je gegeben hatte.

Ich lehnte mich zurück und starrte in ihr Gesicht. Betrachtete ihren breiten Mund und die spitze Nase. Ihre hellbraunen, glatten Haare, die genauso aussahen wie meine. Ihre dunkelbraunen Augen, die so gar nicht an meine hellblauen erinnerten.

Ich konnte nicht sagen, wie lange ich so dalag. Die Augen geöffnet, das Medaillon schwer auf meiner Brust lastend, das Foto in der Hand. Es war still um mich herum. Alles, was ich hören konnte, war mein eigener Atem.

Irgendwann wurde die Tür aufgestoßen und die schwere Sandpuppe schrabbte über den Boden.

»Schicker Türstopper.«

Nina und Luisa sahen in den Raum hinein. Sie hatten offenbar gelernt, dass sie nur in mein Zimmer kamen, wenn sie nicht anklopften.

Ich richtete mich auf und ließ das Foto in meinen Schoß sinken, sodass sie es nicht sehen konnten. »Hat mein Innenarchitekt mitgebracht«, sagte ich trocken und hob die Augenbrauen. »Was gibt’s?«

»Wir dachten, du hast vielleicht Lust, noch ein bisschen an deiner Verteidigung zu arbeiten?«

Sofort sprang ich auf, steckte das Foto wieder in meine Handtasche und nickte. »Okay. Wartet kurz.«

Ich verschwand ins Bad, spritzte mir Wasser ins Gesicht und band die Haare zu einem Pferdeschwanz.

Ich hatte das Gefühl, dass Luisa und Nina die Einzigen waren, die mich noch wie einen normalen Menschen behandelten. Sie fragten mich nicht, wie es mir gehe, erwähnten meine Mutter nicht und blickten mich nicht mitleidig an. Zumindest nicht, wenn ich hinsah.

Vielleicht wussten sie, dass der einzige Weg, mich aus meinem Zimmer zu locken, Übungsstunden waren. Vielleicht war das alles nur ein Trick, damit ich mich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag in meinem Raum einschloss.

Wen kümmerte es?

Ich hatte ein neues Mantra. Der Weg war nicht das Ziel. Das Ziel war das Ziel. Und es war egal, wie man es erreichte.

Ich sah in den Spiegel über dem Waschbecken und schreckte vor meiner Erscheinung zurück. Dunkle Ringe lagen unter meinen eingesunkenen Augen und mein Gesicht war schmaler als noch vor drei Wochen. Die Wangenknochen stachen scharf unter meiner blassen Haut hervor und meine Haare hingen schlapp im Zopfgummi herab.

Ich sah genauso aus wie ich mich fühlte und jedes andere Spiegelbild wäre mir falsch vorgekommen.

 

Verteidigungstechniken waren anstrengend. Den Schild für einen Angriff zu benutzen, benötigte kaum Konzentration. Ich musste lediglich ein wenig zielen. Ihn jedoch für einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, um mich gegen Angriffe zu schützen, war zermürbend. Körperlich und geistig.

Ich übte im Moment vor allem, einen Angreifer am Boden zu halten. Es war so ähnlich, wie wenn ich die Tür mit meinem Schild geschlossen hielt. Auf die Idee hatte mich Killian gebracht. Als ich meiner Mutter zur Hilfe eilen wollte, hatte er mich mit seinem Schild auf die Erde gepresst und bewegungsunfähig gemacht.

Aber das Ziel war das Ziel – und ich würde nicht davor zurückschrecken, seine eigenen Waffen gegen ihn zu verwenden.

Die Umsetzung jedoch war schwerer als ich angenommen hatte. Eine Tür geschlossen zu halten war die eine Sache, aber einen Menschen dazu zu zwingen, am Boden zu bleiben, etwas ganz anderes. Im Vergleich zu Türen waren Menschen nämlich lebendig. Sie bewegten sich und leisteten Widerstand. Es war leichter, den Schild bei einer glatten Oberfläche zu verwenden, als bei einem menschlichen Körper.

Immer wieder versuchte ich, den Schild um Luisas oder Ninas Konturen zu formen, um jeden einzelnen ihrer Muskeln zu lähmen. Doch sobald ich auch nur einen kleinen Finger nicht richtig festhielt, gelang es ihnen, sich unter dem Schild hervorzuwinden. Außerdem war es schwierig, auf jede Stelle ihres Körpers die gleiche Kraft und Energie anzuwenden und nicht so viel zu benutzen, dass ich innerhalb weniger Minuten zu erschöpft war, um den Schild aufrechtzuerhalten. Auch meine neu erlangten Energiekapazitäten halfen mir hier nicht weiter.

Doch für meine Opfer war es offenbar genauso anstrengend wie für mich.

»Gott, ich kann nicht mehr.« Luisa stöhnte auf und rieb sich ihre Beine. »Möchtest du nicht noch mal, Nina?«

Die beiden hatten sich abgewechselt und Nina war genauso rot wie ihre Freundin.

»Nein«, schnaufte sie. »Wir machen am besten eine Pause.«

»Ich brauche keine Pause«, sagte ich sofort und wischte mir die schweißnassen Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf gelöst hatten, aus dem Gesicht.

»Du vielleicht nicht, aber wir! Das Abendessen hat schon angefangen. Wir gehen nur kurz zusammen hin und dann trainieren wir weiter, okay?«

Ich wusste, dass sie mich manipulierten. Luisas Miene war eine Spur zu unschuldig und Nina sah etwas zu auffällig nicht in meine Richtung. Aber es war egal. Ich wollte trainieren und Nina und Luisa konnten mir dabei helfen. Wenn ich mich dafür mit ihnen an einen Tisch setzen und Zoo spielen musste, dann sei es drum.

»In Ordnung«, gab ich nach und wischte mir das Gesicht mit einem Handtuch ab. »Danach können wir noch einmal die Zielübung machen.«

Unglücklich sah Nina zu mir hinüber. »Zielübung? Die, wo wir herumrennen und du versuchst, uns gegen die Wand zu schleudern?«

Ich nickte und wippte auf meine Fersen zurück. »Außer, ihr wollt nicht? Ich kann auch in mein Zimmer gehen und einfach mit der Puppe weiter trainieren.«

»Nein, nein!« Hastig öffnete Luisa die Tür. »Wir machen gleich Zielübungen. Kein Problem.«

Natürlich wusste ich, dass das ein mieser Zug von mir gewesen war. Es war nicht die feine Art, sie damit zu erpressen, dass ich essen würde, wenn sie weiter mit mir übten. Doch was kümmerte es mich?

Es dachten doch ohnehin alle, dass ich emotional labil sei. Ich hatte kein Problem damit, das auszunutzen.

 

Der Speisesaal war voll. Fast jeder Tisch war besetzt. Ich trat hinter Nina ein und spürte die Blicke auf meinem Körper, als wären es Hände, die mich abtasteten. Die Lautstärke schwoll an und während wir uns durch die Tische einen Weg zu Belao bahnten, der drei Plätze freigehalten hatte, konnte ich einzelne Todesengel tuscheln hören.

»… hat ihr dabei zusehen müssen zu sterben!«

»… in ihrem Zimmer. Es tut mir so leid …«

»… ist vollkommen durch den Wind. Redet mit keinem …«

»… nur noch am Kämpfen! Sie wird bald zusammenbrechen, das kann ich voraussehen …«

Ich presste die Schneidezähne in meine Unterlippe und versuchte, die Stimmen auszublenden. Ich musste Ruhe bewahren. Menschen würden immer reden. Alles, was ich tun musste, war durchhalten. Besser werden. Bis ich raus konnte.

Killians Gesicht blitzte vor meinem inneren Auge auf und plötzlich schmeckte ich Blut. Schnell löste ich die Zähne aus meiner Lippe und leckte es von der Stelle, in die ich eben noch gebissen hatte. Es war keinem aufgefallen. Luisa und Nina waren viel zu sehr damit beschäftigt, mich möglichst schnell durch den Raum zu geleiten, damit ich kein Gespräch zu lange belauschen konnte. Belao stand auf, als er uns erkannte, und schob hastig einen Stuhl für mich zurück. Ich sah ihn nicht an, denn sonst hätte ich ihn vermutlich angeschrien, dass er mich nicht wie ein Kind behandeln solle.

»Na, erfolgreich trainiert?«, fragte er fröhlich.

Ich wusste nicht, was schlimmer war. Seine aufgesetzte, gutgelaunte Stimme oder Luisa, die mir bereits einen Teller mit Nudelauflauf füllte und ihn dann so nah vor mich schob, dass er beinahe mein T-Shirt berührte.

Meine Hände umschlossen fest die Tischplatte und mit angespannten Kiefer sah ich vom Teller zu ihr hoch. Sie zuckte zurück, als hätte ich ihre Finger mit meinem Blick verbrannt.

Lao räusperte sich neben mir. »Hast du deine Prüfung jetzt eigentlich bald, Nina? Die zum Finder?«

»Oh, ja. Nächste Woche. Ich habe ehrlich gesagt ziemlichen Schiss. Verena soll mich prüfen und die lässt drei von vier Leuten durchfallen.«

»Ach, Blödsinn! Die Prüfung ist total simpel. Du musst eigentlich nur beweisen, dass du unter dem Radar bleiben kannst und dich vor Engeln oder Menschen nicht verrätst.« Aufmunternd klopfte Luisa ihr auf die Schulter. »Ich kann dir gerne noch ein paar Tipps geben.«

Sie fing an, Dinge aufzuzählen, die ihr wichtig vorkamen und ich war dankbar, mich nicht an der Unterhaltung beteiligen zu müssen.

Ich sah auf den Teller und schob mit der Gabel Nudeln von einer Seite zur anderen. Ich hatte keinen Appetit, doch ich wusste, dass ich zumindest ein bisschen essen sollte, um beim Training nachher nicht zusammenzuklappen. Gestern war mir etwas schwindelig geworden, als ich Luisa und Nina zum zigsten Mal mit meinem Schild angegriffen hatte.

Ich trank einen Schluck Orangensaft und schob mir eine Gabel in den Mund. Die Nudeln schienen nach nichts zu schmecken, doch ich nahm noch einen Bissen. Der schmeckte noch schlimmer als der vorherige, also ließ ich das Besteck langsam wieder neben den Teller sinken. Aus den Augenwinkeln konnte ich Belaos Gesicht erkennen. Er sah mich besorgt an und mein Magen krampfte sich zusammen, als würde eine Hand aus Feuer ihn umschließen.

Sorge. Alle waren besorgt um mich. Hatten Angst, dass ich vielleicht absprang und ihren tollen Plan zunichtemachte. Den Plan, den mir immer noch niemand erklärt hatte. Sie hatten Angst, dass ich depressiv wurde. Angst, dass ich nicht gut genug auf meine Gesundheit achtete. Mitleid und Sorge. Die einzigen Emotionen, die sich auf den Gesichtern hier zeigten. Wie ich diese Blicke hasste. Der arme Halbengel, der seine Mutter verloren hat. Der arme Halbengel, der doch sicherlich bald einen Nervenzusammenbruch haben wird – wenn er nicht schon mittendrin steckt!

Ich richtete mich in meinem Stuhl auf und schob den Teller gänzlich von mir weg.

Luisa sprach weiter, als hätte sie nichts bemerkt, doch ihr Blick wanderte von dem gefüllten Teller zu meinem Gesicht und dann zu Lao, der neben mir saß.

Er räusperte sich wie auf Kommando und ich wusste sofort, dass die drei sich einen Plan zurechtgelegt haben mussten, für den Fall, dass ich wieder nicht aß.

»Schmeckt es dir nicht?«

»Ich habe keinen Hunger«, sagte ich und versuchte zu ignorieren, dass Nina Luisa einen bedeutungsschweren Blick zuwarf.

»Ähm, na ja«, fing diese prompt an, »wenn wir gleich noch die Zielübungen machen wollen, solltest du wirklich noch was essen, Ella.«

»Ich bin nicht hungrig.«

Was dachten sie eigentlich, wie dumm ich war? Glaubten sie, ich sei so mitgenommen, dass ich ihre Manipulationsversuche nicht bemerken würde? Dass ich zu blöd wäre, um sie zu durchschauen?

»Ella.« Lao senkte seine Stimme. »Du hast gestern nur einen Apfel und ein Brötchen gegessen und davor gar nichts. Du musst etwas …«

»Ich muss überhaupt nichts«, presste ich hervor und die Faust aus Feuer drückte meinen Magen noch fester zusammen. »Mir geht es gut und ich möchte nichts mehr essen.«

»Und wenn du nur noch eine Gabel nimmst?« Nina sah mich fast flehentlich an.

Die Wut schwappte über und floss langsam in den Rest meines Körpers.

Wie konnten sie auch noch versuchen, mir ein schlechtes Gewissen zu machen? Es war mein Körper und es war mein Leben und wenn ich nicht essen wollte, dann hatten sie das verdammt noch mal zu akzeptieren!

»Ich möchte nichts mehr«, erwiderte ich leise und versuchte, mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Ich konnte meine Haut prickeln spüren. Die Energie schien aus meinem Blut in mein Herz zu fließen und sich dort schmerzhaft anzustauen. Ich ertrug es nicht mehr. Ihr Mitgefühl drückte auf meine Schultern. Ich wollte hier nur noch raus.

»Ella, bitte, wir wollen dir nur helfen. Wir …«

»Ich habe gesagt: Ich möchte nichts mehr essen!«

Die Wut löste sich schlagartig. Wie ein Baum, dessen Wurzeln durch die Oberfläche einer asphaltierten Straße drangen.

Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte.

Die vier Tische, die um uns herum standen, wurden mit der Wucht eines Schießgeschosses gegen die Wand geschmettert, Geschirr fiel zu Boden und das Kreischen der Leute vermischte sich mit dem Scharren von Holz auf Stein. Lao, Nina und Luisa hatte es von ihren Stühlen gerissen, ich konnte sie dumpf auf den Boden aufschlagen hören.

Dann wurde es still.

Meine Haut prickelte, als stände ich unter Strom und mein Körper schien unkontrolliert Hitze an meine Umgebung abzugeben.

Ich konnte mich nicht erinnern, aufgestanden zu sein, doch ich musste es wohl, denn ich war auf den Füßen und meine Knie schlugen zusammen.

Mein Atem ging stoßweise und zitternd blickte ich mich um. Alles in einem Radius von zwei Metern war in Richtung der Wände gestoßen worden und alle starrten mich an. Ihre Augen weit aufgerissenen, schockiert und verängstigt.

Die Hitze in mir verebbte augenblicklich. Ich sah zu Belao, suchte seinen Blick, doch er hatte sich von mir abgewandt und kniete neben Luisa, die sich den Kopf hielt. Blut sickerte in ihre kurzen blonden Haare.

Eine kalte Hand drückte sich auf meine Lunge und das Herz hämmerte in meiner Brust, trieb meinen Puls in die Höhe.

Was war passiert?

»Es … es tut mir leid. Ich …« Zitternd starrte ich auf das Blut, das an Luisas Gesicht hinabrann.

»Das wollte ich nicht«, flüsterte ich. Dann rannte ich aus dem Raum.