Küss niemals einen Baseballer – Leseprobe

Die Physiotherapeutin Kaylie wird aus einer Behandlung gerufen, es gäbe einen medizinischen Notfall. Doch Sportler und Normalmenschen definieren ‚Notfall‘ offensichtlich etwas anders …

Der Mann, der am Tresen lehnte und auf die junge Frau hinablächelte, ließ Frauen sich an Sauerstoff verschlucken.

Er war wie aus einem Frauenroman entsprungen. Groß, breitschultrig, dunkelblonde Haare, die ihm wirr in die Stirn hingen, ein Lächeln, das dafür gemacht war, Frauen darüber nachdenken zu lassen, ihm das Höschen nachzuwerfen und ein Bankkonto, dem jedes Jahr um die 28 Millionen Dollar hinzugefügt wurden.

Jedes männliche Traum-Klischee passte auf ihn.

Sie hasste Klischees. Sie waren so wenig originell.

Es war so langweilig, wenn Männer ein markantes Kinn, große Hände und Wangenknochen, die wie von Michelangelo selbst gemeißelt aussahen, hatten. Völlig überholt dieses Modell!

Und diese kreativlose Sorte von Mann hatte auch noch das Recht, nahezu jeden Abend über den Bildschirm zu flackern.

Womit sie auch direkt zum größten Manko dieses Kerls kam: Er warBaseballspieler.

Second Baseman, wenn sie sich nicht irrte.

Sie presste die Lippen aufeinander. Dieser Patient zog bereits jetzt kräftig an ihren Nerven.

Nur weil jemand Dexter O’Connor hieß und ganz gut mit einem Stock auf einen Ball eindreschen konnte, war das noch lange kein Grund, ihn als Notfall einzustufen!

Sie atmete tief durch, versuchte schleunigst zu vergessen, dass sie schon einige Male an einem Baseballspiel im Fernsehen hängengeblieben war, weil dieser Mann gerade auf dem Schlagmal stand, und stemmte die Hände in die Hüften.

Sie verachtete Klischees und Baseball. Darauf sollte sie sich konzentrieren.

Das ist der Notfall?“, fragte sie Sarah über den Tresen hinweg. „Er kann noch geradestehen! Dafür hast du mich aus meinem Termin geholt?“

Sarahs Gesicht nahm die rosa Farbe einer Wassermelone an und jetzt wandte sich der Spieler Kaylie zu.

Er hatte grüne Augen. Das hatte man im Fernsehen nie genau erkennen können. Sehr grüne Augen.

„Die liebe Sarah hier kann nichts dafür. Ich habe sie praktisch angebettelt, Sie darum zu bitten, mich noch dazwischen zu quetschen. Ich kann sehr überzeugend sein.“ Wieder zeigte er sein charmantestes Lächeln, als müsse er ihr vorführen, warum genau das so war.

Kaylie wippte auf ihre Hacken zurück und hob unbeeindruckt eine Augenbraue. Sie war mit Kerlen seiner Sorte aufgewachsen und es so leid, dass alle Sportler und berühmte Leute dachten, sie hätten das Recht, überall eine Extrawurst zu erwarten.

„Er ist kein Notfall!“, zischte sie zu Sarah.

„Sie tuscheln nicht sehr erfolgreich, hat Ihnen das schon einmal jemand gesagt?“, fragte O’Connor.

Zuckersüß lächelnd fixierte sie ihn. „Und Sie sind nicht dazu in der Lage, das Wort ‚Notfall‘ erfolgreich zu definieren.“

„Ich bin ein Notfall.“

„Das müssen Sie mir genauer erklären, dann überlege ich es mir vielleicht.“ Oder auch nicht.

Ihr Gegenüber machte einen Schritt zurück und musterte sie. Sie konnte seinen Blick nicht ganz deuten, hätte aber auf Überraschung und Unverständnis getippt. Das schienen die Emotionen zu sein, die sie bei Männern vorwiegend hervorrief. Rein statistisch gesehen war das also wahrscheinlich.

„Nun, ich habe Probleme mit meiner Schulter und muss heute Abend spielen“, erklärte er, eine Baseballkappe in den Händen drehend.

Meine Güte, hatte er kein T-Shirt, das etwas lockerer saß? Man sollte doch meinen, dass er es sich leisten könnte, etwas zu kaufen, dessen Ärmel nicht aussahen, als würden sie gleich gesprengt werden. Seine Haare waren noch feucht und kräuselten sich an den Seiten – für einen Fön wollte er von seinen 28 Millionen also auch nichts ausgeben? Seinem Kinn nach zu urteilen, war ihm auch ein Rasierer zu teuer.

Ein Klischee und ein Geizhals also. Nein, damit wollte sie nichts zu tun haben.

„Was spielen Sie denn?“, fragte sie absichtlich dumm nach. „Mensch ärgere dich nicht? Siedler von Catan? Wusste nicht, dass da der Schultereinsatz so gefordert wird.“

Sarah, hinter dem Tresen, lächelte in sich hinein – sie wusste sehr wohl, dass Kaylie klar war, wen sie da vor sich hatte; sie redeten alle paar Wochen über Dexter – während der Baseballspieler etwas irritiert schien. Vielleicht weil noch nie eine Frau vor ihm gestanden hatte, ohne prompt ihren BH auszuziehen.

„Ich bin Sportler.“

„Ach, richtig“, sagte sie langsam. „Ich glaube, ich kenne Sie aus dem Fernsehen … aber sind Sie für einen Basketballer nicht etwas klein?“

Er hob die Augenbrauen. „Ich bin Baseballer.“

„Oh, okay. Da muss ich was verwechselt haben. Dann ist das, denke ich, in Ordnung.“ Und wahrscheinlich wäre er mit seinen Einssechsundachtzig auch für Basketball geeignet. Peinlich für sie, dass sie sogar wusste, wieviel er wog.

„Denken Sie, ja?“, fragte er trocken nach. „Sind Sie neben Physiotherapeutin auch Sportagentin?“

„Nein, was ich bin, ist ausgebucht“, stellte sie fest. „Und Sportler haben doch alle einen privaten Physiotherapeuten. Ich sehe keinen Grund darin, für Sie meine Termine durcheinanderzubringen.“

„Dieses Spiel heute Abend ist sehr wichtig.“

„Wichtiger, als dass die neueingesetzte Hüfte einer alten Dame sich reibungslos an ihren Körper anpasst und keine Schmerzen verursacht?“

„Für Amerika? Ja!“

Sie schnaubte. „Haben Sie gerade wirklich behauptet, dass das heutige Baseballspiel von nationaler Wichtigkeit ist?“

Er hob die Hände. „Ich stelle hier nur Tatsachen klar.“

„Na, da sind wir ja auf einer Wellenlänge. Tatsache ist: Kranke alte Damen sind wichtiger als Sport.“

O’Connors Kiefer knackte laut und die nächsten Worte aus seinem Mund hörten sich an, als würden sie ihn sehr viel Mühe kosten. „Ich … Jake hat Sie mir empfohlen.“

„Jake Braker?“

„Ja, Jake Braker.“

Dieser Vollpfosten! Was fiel ihm ein, sie weiterzuempfehlen? Sie hatte ihm mehr als einmal gesagt, dass sie keine anderen Sportler hier haben wollte! Vor allem keine Baseballer. Ihn hatte sie nur angenommen, weil Emma sie darum gebeten und dann etwas auf Deutsch gesagt hatte! Das hatte ihr Angst gemacht. Sie war sich ziemlich sicher, dass Emma ihr nicht mit dem Tod gedroht hatte, aber wer konnte das bei der deutschen Sprache schon genau wissen?

Schwer seufzend strich sie sich die Haare hinters Ohr. „Schön. Wenn Jake Sie schickt …“

Jake lebte für Baseball – so wie jeder andere Spieler auch – und wenn es den Delphies helfen würde zu gewinnen … dann würde sie sich O’Connors Schulter eben ansehen. Sie war ja kein Unmensch. Außerdem bezahlten Sportler extrem gut.

„Schön“, wiederholte sie und lehnte sich über den Tresen, hinter dem Sarah auffällig stumm gesessen hatte. „Sarah, schreib ihn für gleich auf und verleg Mrs. Wooding zu Sally. Wie heißen Sie genau? Damit Sarah Sie eintragen kann.“

Ihr Gegenüber hatte nun die Augen zu Schlitzen verengt und Kaylie befürchtete schon fast, dass sie damit zu weit gegangen war, doch schließlich knirschte er: „Dexter O’Connor.“

„Dexter Olkoner?“

„O’Connor.“

„Ach so.“

Von wegen, sie war keine gute Schauspielerin! Nimm das – Theater AG!

Vielleicht war es gemein vorzugeben, ihn nicht zu kennen – aber sie fand, dass sie das Recht dazu hatte.

Dexter O’Connor war die Sorte Mann, die nur mit den Fingern schnippen musste, um zu bekommen, was sie wollte. Und da gingen bei ihr jegliche rote Fahnen hoch.

Geld und gutes Aussehen verlieh Männern Macht – und Macht war etwas, das sie nicht bereit war abzugeben.

Schön, sie hatte da ein paar Vorurteile gegenüber Baseballspielern – berechtigte, meistens wahre Vorurteile – und wäre Dexter jeder andere Mann gewesen, hätte sie möglicherweise an ihm ihren Fragebogen ausprobiert. Denn verdammt, ja, er war ein Klischee, aber sie war eine Frau und sie hatte Augen im Kopf und nun … Sie hatte nichts zu ihrer Verteidigung vorzubringen. Er war heiß und sie hatte zu lange keinen Sex mehr gehabt und … wo war sie stehengeblieben?
Ach ja: Dexter O’Connor war kein anderer Mann. Was ihr irgendwie ein wenig leidtat.

Für ihn.

Na gut, auch ein klein wenig für sie.

„Wie heißt die Mannschaft hier noch gleich?“, hakte sie nach, während Sarah O’Connors Namen eintrug. „Die Dolphins? Das hat für mich nie Sinn gemacht. Spielt ihr nur bei Regen? Oder Land unter?“

„Delphies. Die Philadelphia Delphies … und Sie sind wahrscheinlich die einzige Person in der ganzen Stadt, die das nicht weiß.“
Und er war die einzige Person, die wirklich glaubte, dass sie keine Ahnung hatte.

„Delphies? Ziemlich einfallslos, wenn Sie mich fragen. Warum nicht gleich die Philadelphia Philadelphias? Das hört sich zumindest weniger albern an.“

„Sollten Physiotherapeuten nicht mehr mit den Händen als mit dem Mund arbeiten? Ich weiß nicht, ob ich Ihren Fähigkeiten vertrauen kann, wenn Sie so viel reden.“

Reden schreckte ihn ab? Na, vielleicht wurde sie ihn dann ja doch noch los …

„Ich kann multitasken, keine Sorge! Ich könnte die ganze nächste Stunde durchreden, die Sie auf meiner Liege liegen! Ich habe Quinoa für mich entdeckt, wissen Sie? Das ist unglaublich eisenhaltig. Viel eisenhaltiger als Spinat. Popeye verbreitet übrigens Lügen, Spinat ist gar nicht …“

„Warum zum Teufel mögen Sie mich nicht?“

Verblüfft hielt sie inne. O’Connor hatte die Kappe auf den Tresen gelegt und die Arme vor der Brust verschränkt.

Insgeheim fragte sie sich, ob das T-Shirt halten würde. Kaylie war gegen das T-Shirt. Es sollte einfach aufgeben. Einsehen, dass es das Schwächere war.

„Ähm, nicht mögen?“, räusperte sie sich. „Wie kommen Sie darauf, dass ich Sie nicht mag?“

„Warum sonst sollten Sie mich mit dem bescheuerten Zeug volllabern? Und so tun, als wüssten Sie nicht, wer ich bin? Sie müssen eindeutig etwas gegen mich haben.“
Jetzt lief ihr Kopf doch leicht rosa an. Sie schwindelte sehr gerne – wurde aber nicht gerne dabei erwischt. Und es stimmte: Sie hatte etwas gegen ihn. Er war Baseballspieler. Mehr brauchte es gar nicht.

Jake war, wie gesagt, eine Ausnahme – aber das auch nur, weil er so unglaublich von sich selbst eingenommen war, dass sie es als ihre Pflicht gegenüber der Menschheit ansah, sein Ego jede Woche mindestens einmal zu verkleinern. Außerdem wüsste der arme Kerl ohne sie doch gar nicht, wie er sich in der Welt zurechtfinden sollte.

„Gut, ich weiß, wer Sie sind“, gab sie zu. „Ich lese gerne die Klatschkolumne und da stolpere ich immer über Ihre modischen Fehlgriffe.“

„Und deswegen haben Sie etwas gegen mich? Sie hassen Leute, die nicht wissen, wie sie sich anzuziehen haben?“ Sein Blick glitt über ihre Beine, die in ausgewaschene Jeans verpackt waren, und das Trägertop, das sie bereits zweimal genäht hatte. „Denn Lady, sich selbst nicht zu lieben, ist tragisch.“

Na, das musste er ja am besten wissen. Er liebte sich selbst bestimmt für fünf Menschen.

„Ja, ich habe was gegen Sie“, sagte sie langsam und trommelte mit den Fingern auf den Rezeptionstresen. „Sie machen abends immer so viel Lärm im Stadion – da kann mein Hund nicht schlafen. Und dieser Energieverbrauch der Flutlichter regt mich auch ziemlich auf.“

„Sagen Sie eigentlich auch mal die Wahrheit?“

Sie musste lachen. Meistens war die Wahrheit doch sehr langweilig. „Das werden Sie wohl nie herausfinden. Warten Sie hier, ich beende nur noch meinen Patienten, dann kümmere ich mich um Sie – und den heutigen Sieg in Siedler von Catan haben Sie sicher!“

Sie hielt die Hand über ihren Kopf und lief zurück zum Behandlungsraum.

Sie war sehr professionell. Hatte nie ein Problem damit, privat von geschäftlich zu unterscheiden und ihre Patienten als genau das anzusehen – Patienten. Doch als sie spürte, wie er ihr mit dem Blick folgte, fingen sämtlichen Nervenenden von ihr an zu vibrieren.

Sie hatte das vage Gefühl, dass O’Connor eine Herausforderung darstellen könnte.

Dexter hatte das vage Gefühl, dass er gerade von vorne bis hinten auf den Arm genommen worden war.

Und das überraschte ihn so dermaßen, dass er nicht einmal dazu fähig gewesen war, dieser Frau etwas entgegenzusetzen. Er hielt sich für relativ schlagfertig – aber Kaylie hatte ihn so überrumpelt, dass er zeitweilig einfach überhaupt nichts Sinnvolles hatte antworten können. Noch nie hatte eine Frau absichtlich so getan, als wüsste sie nicht, wer er war! Sie hatte ganz offensichtlich ein Problem mit berühmten Leuten – auch ein erstes Mal für ihn. Ansonsten schienen die Menschen eher scharf darauf zu sein, nach zwei Minuten so zu tun, als wäre er ihr bester Freund.

Dex hatte kein Problem damit, das war eben Teil des Jobs, aber er erwischte sich dabei, dass er es doch ein wenig schade fand, dass Kaylie, die Physiotherapeutin, etwas dagegen hatte, sich mit ihm anzufreunden.

Er wusste, warum sie so beliebt war. Und das war bestimmt nicht wegen ihrer physiotherapeutischen Fähigkeiten. Männer würden sicherlich hierher kommen, nur um von ihr angefasst zu werden. Sie hatte sehr schöne … Hände.

Er fragte sich, in welcher Beziehung Jake zu ihr stand, denn der Jungspund schaffte es seiner Meinung nach kaum, ein ganzes Spiel hindurch seine Hosen anzubehalten. Andererseits hätte er gewettet, dass Jake nicht ihr Typ war.

Er neigte den Kopf und beobachtete Kaylie dabei, wie sie mit wehendem braunem Haar hinter einer Ecke verschwand. Auch wenn sein Blick nicht auf ihr Haar gerichtet gewesen war. Dass es wehte, war eher eine Vermutung gewesen.

Er setzte seine Kappe wieder auf und richtete seinen Blick auf die schüchterne Rezeptionistin, die fast ihre Zunge verschluckt hatte, als er hereingekommen war.

Ja, so waren ihm die Frauen lieber. Da war es wenigstens einfacher sie einzuschätzen.

„Was ist ihr Problem?“, wollte er wissen und nickte seitlich in die Richtung, in der die Frau mit den schönen … Händen verschwunden war.

„Kaylies Problem?“, fragte die Rezeptionistin, sich offensichtlich unwohl fühlend.

„Ja. Warum hat sie mich angesehen, als hätte ich in ihren Kaffee gepinkelt?“

Das brachte die junge Frau zum Lachen. „Oh, nehmen Sie es nicht persönlich. Sie hat was gegen Sportler.“

Seine Augenbrauen flogen nach oben. Sie hatte was gegen Sportler? Welche Frau hatte etwas gegen Sportler? War sie in ihrer Jugend etwa vom Football Captain versetzt worden?

Er lehnte sich langsam an den Tresen und blickte wieder in den Gang.

Eine Frau, die einfach aus Prinzip etwas gegen ihn hatte. Wegen seines Jobs.

Ein Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus.

Es war einige Zeit her, dass er sich einer Herausforderung gestellt hatte, die nicht seine Schwester war.

Und Kaylie wollte er sicherlich nicht mit Chloe vergleichen.

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