Liebe auf den ersten Schlag – Leseprobe

Baseball Love Facebook

Vor etwas mehr als einem Jahr …

 

Kapitel 1

 

„Natürlich würde ich dich gern wiedersehen. Ich habe mich nur nicht gemeldet, weil ich … deine Nummer verloren habe.“ Warum glaubten Frauen diese Ausrede eigentlich noch? Sie war so alt wie der Beruf der Prostituierten.

Na ja, ihm sollte es recht sein. Luke konnte nicht jede Frau, mit der er sich traf, wieder anrufen. Was dachten diese Mädchen sich nur? Dass er neben seinem Beruf zu viel Freizeit hatte?

Er hätte doch eine Assistentin einstellen sollen. Die hätte Flyer verteilen können, auf denen erklärt wurde, was ein One-Night-Stand ist.

Aber seitdem er mit der letzten geschlafen hatte, war sein Manager von der Idee einer Assistentin nicht mehr ganz so angetan.

Luke sah aus dem Fenster und warf einen letzten Blick auf Philadelphias Skyline, bevor sein Taxi auf die Interstate 95 bog und Gas gab. Na ja. Die amerikanische Art des Gasgebens. Großer Gott, freute er sich wieder auf die Autobahn.

Die Frau am anderen Ende der Leitung redete ununterbrochen weiter, sodass Luke den Hörer zeitweilig einfach auf sein Knie legte und noch einmal überprüfte, ob er seinen Pass dabeihatte. Als sein Knie nicht mehr von den Schwingungen der weiblichen Stimme vibrierte, hob er den Hörer wieder auf.

„Hör mal, Be … Br …“

Wie hieß sie noch gleich? Beverly? Brittany? Irgendein Stripperinnenname. „Hör mal, Liebes“, schwenkte er um, „ich verspreche dir, wir werden uns wiedersehen … wann?“ Genervt fuhr er sich mit der Hand durch die kurzgeschorenen Haare. Warum wollten Frauen immer alles kontrollieren? Das war so unglaublich nervig.

„Nein, heute ist es schlecht, ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Tut mir leid. Ich werde die nächsten Wochen erst einmal meine Mutter und Freunde besuchen.“ Er beglückwünschte sich für sein Timing. In seinem Ohr piepte es zweimal kurz. „Tut mir leid, Liebes, da ist jemand in der anderen Leitung. Ich rufe dich an, wenn ich wieder aus Deutschland zurück bin, okay?“ Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern legte einfach auf. Seine Nerven waren nicht endlos strapazierbar.

„Luke Carter“, meldete er sich, während das Taxi von der Interstate abfuhr und bereits den ersten Ausschilderungen zum Flughafen folgte.

„Heute schon in die Zeitung gesehen?“

„Dir auch ’nen schönen Abend, Wes.“

„Hast du?“

„Nein. Gibt’s was Interessantes zu sehen?“

„Oh, sehr interessant. Als dein Freund sage ich dir: Respekt, Alter. Als Agent: Hör auf mit dem Scheiß. Die Welt ist nicht deine verfluchte Kirmes! Du bist ein Vorbild für tausende von Kindern, also benimm dich auch so!“

„Wesley.“ Luke seufzte tief und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. Heute war wirklich nicht sein Tag. Er hatte einen Kater, elf Stunden Flug vor sich und einen Geduldsfaden in der Länge seines kleinen Fingers. „Sag mir worum es geht, bevor du mich anmachst, okay? Dann könnte ich vielleicht auch einen Kommentar abgeben.“

Für kurze Zeit herrschte Stille am anderen Ende. „Weißt du noch, was du gestern zwischen ein und vier Uhr morgens gemacht hast? Wenn nicht, ist das nicht schlimm, denn ganz Amerika kann dich jetzt daran erinnern.“

Luke runzelte die Stirn. Gestern Nacht … „Wieviel Uhr, sagtest du?“

„Warte. Ich lese es dir vor. Die Überschrift wird dir gefallen: Kann Luke Carter sich vor sich selbst noch retten? Gestern Nacht, nach dem 5:2-Sieg über die Bosten Red Sox, konnte man den Starpitcher der Delphies wieder einmal bei einem seiner Partygänge von Bar zu Bar begleiten – Pass auf, jetzt kommt meine Lieblingsstelle – Nachdem er einem Minderjährigen auf der Straße sein Bier in die Hand drückte, war er im Club „The Haunted“ willkommen, den er gegen vier Uhr nachts, gezwungen durch den Türsteher, wieder verlassen musste. Doch das tat Carters Stimmung keinen Abbruch, denn nichtsdestotrotz konnte er schließlich zwei leicht bekleidete Frauen mit zu sich nach Hause nehmen. Ob er sie für ihre Dienste bezahlen musste, bleibt unsicher. Und ein hübsches Foto ist auch dabei. Natürlich tragen die Damen keine Unterwäsche.“

„Ich musste sie nicht bezahlen!“, fuhr Luke auf und starrte wütend in den Himmel, den mehrere Flugzeuge kreuzten. „Musste ich nie.“ Was dachte sich die Presse dabei, sowas zu verbreiten?

„Das ist dein Kommentar zu diesem Artikel?“ Wesley hörte sich nicht amüsiert an. „Luke! Das ist in diesem Monat schon der dritte dieser Art. Dein Management macht Druck.“

Luke sank im Taxi zusammen und stöhnte. „Wes, du kennst die Presse, die übertreiben wieder bis ins Maßlose. Der Artikel ist völlig überzogen. Die würden sowas selbst dann schreiben, wenn ich mich benehmen würde.“

„Einem Minderjährigen, Luke!“

„Er sah älter aus.“

„Er war neunzehn.“

„Ich finde diese Regelung, dass man Alkohol erst mit einundzwanzig trinken darf, sowieso bescheuert. Sieh es doch als Statement von mir: Amerika ist gar nicht so frei wie viele behaupten.“

„Wir sind nicht in Deutschland, Luke.“

„Tatsächlich? Danke für den Realitätscheck.“

„Pass einfach auf, was du demnächst so machst, okay? In Deutschland bist du ja sowieso erstmal unterm Radar, also genieße die Zeit, damit du hier dann wieder menschlich werden kannst. Schöne Feiertage, Mann. Ich geb` dir einen aus, wenn du wieder hier bist.“

Und mit diesen Worten legte Wesley auf. Als Agent konnte er ein echter Arsch sein, aber als Freund war er das Beste, was Luke hätte finden können.

Das Taxi hielt am Gate der First-Class. „Sir, wir sind da.“

„Danke. Was schulde ich Ihnen?“

Der Fahrer tippte auf das Taxameter und lächelte in den Rückspiegel. „Und würde es Ihnen etwas ausmachen, mir ein Autogramm zu geben, Mister Carter? Mein Sohn ist ein Riesenfan.“

Müde nickte Luke, schloss die Augen für ein paar Sekunden und sah dann wieder auf. „Natürlich. Wie heißt Ihr Sohn denn?“

 

„Es ist ein Junge!“

„Oh nein!“

„Was?“

„Äh …“ Emma wechselte die Hand, in der sie das Telefon hielt, und schlug den Kragen ihres Wintermantels hoch. Das war vielleicht nicht die Reaktion, die ihre Schwester erhofft hatte, aber ernsthaft – ein Junge?

Ein Junge würde zu einem Mann heranwachsen und diese natürliche Strafe hatte ihr Neffe einfach nicht verdient.

„Ich meine, das ist toll!“, sagte sie trotzdem. „Wir brauchen nur mehr starke Frauen auf der Welt, das ist alles!“

„Für weitere starke Frauen musst du wohl selbst anfangen, Kinder zu produzieren“, lachte Milla. „Ich bin erst einmal bedient. Aber ich sage dir: Ich habe noch kein schöneres Baby gesehen!“

Emma verkniff es sich, sie darauf hinzuweisen, dass das alle Mütter dachten. Bei ihrer Schwester musste es nämlich stimmen. „Es hat ja auch erstklassiges Gen-Material.“

„Wohl wahr. Obwohl Steve meint, er sieht nur mir ähnlich.“

„Umso besser.“

„Hey, mein Mann ist absolut heiß!“

Nachdenklich wiegte Emma den Kopf hin und her. „Nicht so heiß wie du, aber ich schätze, ich könnte ihn als lauwarm durchgehen lassen.“

„Du bist unmöglich!“ Millas Lachen ging in ein Seufzen über. „Ich vermisse dich wirklich.“

„Ich weiß.“ Es fing an zu schneien und Emma bog nach rechts. „Ich hasse es, nicht einfach zu dir rübergehen und deinen Sohn bewundern zu können. Schick mir so viele Fotos wie möglich. Ich will ihn mir dreidimensional vorstellen können!“

„Werde ich. Aber er sieht auch in 2D unglaublich aus.“

„Ja, aber wir befinden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert, hier wollen wir alles in 3D“, lachte Emma und konnte nicht ganz verhindern, dass ihr der Gedanke daran, dass Milla keine zwei Jahre älter war als sie, aber bereits einen wunderbaren, lauwarmen Ehemann und einen wunderschönen Sohn besaß, einen Stich versetzte. Sie wollte das auch – und sie hatte auch mal daran geglaubt, dass sie das alles haben könnte.

„Ich bin so stolz auf dich, Mill“, flüsterte sie und hoffte, dass die aufkommenden Tränen nicht auf ihrem Gesicht festfrieren würden. „Du wirst eine tolle Mama sein! Ruf an, sobald mein Neffe nach mir fragt, okay? Mir egal, ob es zu teuer ist, von Amerika aus anzurufen. Es gibt Skype und WhatsApp und Rauchzeichen …“

Milla lachte. „Obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass mein Sohn ein intelligenter Überflieger ist, fürchte ich, dass es noch etwas dauern könnte, bis er sprechen kann.“

Ja, richtig. Er war ja ein Mann. Emma seufzte. Armer Kerl!

„Na, dann ruf an, wenn ihr euch auf einen Namen geeinigt habt. Ich hab` gehört, Emmo soll schön sein …“

Milla schnaubte. „Mit diesem Namen wird die Highschool bestimmt ein besonderes Erlebnis für ihn!“

„Na ja, besser als wenn ihr ihn nach einer Frucht benennt! Ich sag` dir, die spinnen die Amis – dein Ehemann mal ausgeschlossen. All diese armen Kiwi-Melons, die bei euch herumlaufen!“

„Wir werden schon noch einen Namen finden!“, meinte Milla fröhlich. „Die Geburtsurkunde setzt uns da etwas unter Druck … wieso muss ein Kind direkt einen Namen bekommen? Man weiß doch erst nach ein paar Jahren, ob es sich als ein Kevin herausstellt.“

Prustend rieb Emma die kalte Hand an dem Hörer. „Wie sagte noch mein Professor: Kevin ist kein Name, Kevin ist eine Diagnose! Aber ich muss jetzt auch Schluss machen, die Arbeit ruft.“

„Hast du immer noch tausend Jobs, trotz abgeschlossenen Studiums?“

„Ich warte noch auf die richtige Firma.“

„Warte du nur, solange ich ein Kind großziehe.“

„Gemein! Nichtsdestotrotz hab‘ ich dich lieb und muss jetzt auflegen.“ Emma sah in das Fenster des Edel-Italieners, bei dem sie als Kellnerin jobbte.

Enrico, der Oberkellner, winkte ihr durchs Fenster zu. „Ich glaub`, mein Chef grüßt mich … vielleicht versucht er auch, eine Fliege zu verscheuchen. Egal, gib meinem Neffen einen Kuss von mir und grüß deinen lauwarmen Ehemann!“

„Steve ist …“
„Ja ja, super-heiß und super-sexy und ich sterbe vor Neid. Wir sprechen uns, Mill!“

„Tun wir!“, verabschiedete sich auch ihre Schwester und legte auf.

Für ein paar Sekunden starrte Emma wehmütig ihr Telefon an, dann seufzte sie schwer und nahm die wenigen Stufen, die ins Giovanni’s führten.

Die Wärme, die ihr entgegenschlug, war ihr so willkommen, dass sie beinahe laut und gar nicht jugendfrei aufgestöhnt hätte.

„Ciao Bella, geht es dir gut?“

„Jetzt schon!“, seufzte sie und zog ihre Jacke aus, um sie an die Garderobe zu hängen. „Und hör auf, mich Bella zu nennen – das sagst du nämlich zu jeder und dadurch fühle ich mich nur billig!“

„Aber du bist die Einzige, bei der ich es ernst meine“, versicherte ihr Enrico und nahm ihr die Jacke aus den Händen, um sie für sie an die viel zu hoch angebrachten Kleiderhaken zu hängen. Ja, Emma war klein – diskriminierend fand sie die Garderobe trotzdem.

Sie sah sich im halbdunklen Raum um und bemerkte, dass es bis jetzt nur wenige Gäste gab. Es wunderte sie nicht, die Rush Hour würde erst in einer Stunde anfangen.

Sie strich die schwarze Bluse glatt, die sie unter einem roten Blazer trug – ihre Arbeitsuniform – und bemerkte, dass Enrico sie noch immer anstarrte.

„Was ist?“, wollte sie wissen. „Habe ich ein großes ‚L‘ auf der Stirn?“

„Nein, ich habe nur vielleicht etwas für dich …“

„Keine Kuppelversuche mehr, Enrico!“, fuhr sie ihm mit erhobener Hand dazwischen. „Deine Verwandten sind ja wirklich nett, aber auch italienische Männer bleiben Männer.“

Enrico grinste. „Du bist seit zwei Jahren nicht mehr ausgegangen, Bella. Das ist ungesund. Das stresst dich. All das nur wegen einer kleinen Trennung …“

„Mein Verlobter hat die Hochzeit abgesagt. Klein ist nicht das richtige Wort.“

„Ich denke trotzdem, dass du dein Herz noch einmal riskieren solltest – aber ich habe nicht von einem Mann gesprochen. Ich habe von einer freien Stelle bei einer Eventmanagementfirma gehört – das hast du doch studiert, oder nicht?“

Wenn das eine gute Stelle war, könnte Emma glatt vergessen, dass er sie an ihren Ex-Verlobten erinnert hatte. Und dass er ebenfalls ein Mann war. Viel eher sollte sie Mitleid mit ihm haben. Er musste schließlich mit diesem Handicap leben!

„Schön, dass du nach vier Jahren endlich herausgefunden hast, was ich eigentlich studiert habe! Und was ist das für eine Stelle? Bei welcher Firma?“

Er zuckte die Achseln, während Emma um das kleine Pult herumging, das für heute Abend ihr Reich sein würde. „Keine Ahnung. Irgendetwas mit Event im Namen. Events & More oder Make More Event oder so?“

Abrupt blieb sie stehen und sah den Oberkellner mit großen Augen an. „Bei More & More-Events ist eine Stelle frei geworden?“

„Ja, richtig. Das war der Name. Kennst du den Laden?“

Ob sie den Laden kannte? Das war der Rockstar unter den Event-Firmen! Das I-Phone unter den Handys, die Ananas unter den Früchten, der Rasenmäher unter den Nagelscheren!

„More & More-Events hat eine Stelle frei?“, wiederholte sie. Sie hasste sich dafür, doch ihre Stimme kam einem Quietschen gleich. Sie konnte nicht anders. So geplant Emma auch denken und organisieren konnte, ihre Art und Weise, mit neuen Informationen umzugehen, erinnerte manchmal doch stark an ein Kind im Bälle-Bad.

Wenn sie bei More & More-Events eingestellt würde, könnte sie nach zwei Jahren dort ihre eigene Firma eröffnen – mit garantiertem Erfolg. Der gute Ruf eilte der Firma voraus und würde dann mit großer Wahrscheinlichkeit automatisch auf sie abfärben.

Sie sprang Enrico in die Arme und drückte ihn fest. „Das ist der Hammer, Enrico! Ich bin zu baff, um dich danach zu fragen, woher du das überhaupt weißt!“

Enrico tätschelte ihr etwas unbeholfen den Rücken. „Du hast wirklich die Fähigkeit, dich für Dinge übermäßig zu begeistern.“

„Wie könnte ich sonst hier arbeiten?“

 

 

 

Kapitel 2

 

Es war schon faszinierend. Luke stieg in einer Welt ein und landete in einer völlig anderen.

Am Kölner Flughafen wurde er von niemandem nach einem Autogramm gefragt. Niemand kannte seinen Namen, niemand hatte diesen dämlichen Artikel gelesen und niemand ging ihm auf die Nerven. Es war wie Urlaub von seinem Leben.

Seine Mutter hatte sich kaum verändert. Ein paar mehr Falten zierten ihr Gesicht, aber sie umsorgte ihn noch genauso wie zu der Zeit, als er dreizehn Jahre alt gewesen war. Er hatte ihr seinen Koffer gewaltsam aus der Hand reißen müssen, um ihr deutlich zu machen, dass er ihn alleine tragen konnte.

Nachdem er geschlafen und den Jetlag so gut wie möglich zu ignorieren versucht hatte, hatte seine Mutter ihm das beste deutsche Mittagessen gemacht, das dieses Land zu bieten hatte: Braten, Knödel, Rotkohl und dazu typisches dunkles Brot.

Jetzt stand er mit seinen Freunden in der verdammten Kälte und wusste nicht wohin. Sie waren zu viert, zwei von ihnen verheiratet – die armen Schweine waren keine dreißig und verheiratet – was die Suche nach einem passenden Ort ein wenig einschränkte.
Aus ihm unverständlichen Gründen wollten sie daher nicht in einen Stripclub.

Es war merkwürdig. Luke hatte seine Freunde seit einem Jahr nicht mehr gesehen, aber sie behandelten ihn, als sähen sie ihn jeden Tag, als wäre er immer noch einer von ihnen. Und das nach sechzehn Jahren. In Philadelphia hatte er keine Freunde aus der Highschool mehr. Nachdem er Profi-Baseballspieler geworden war, hatte sich die Gruppe in Neider und solche, die sich im Ruhm sonnten geteilt. Oder vielleicht war Luke auch einfach zum Arsch geworden. So genau war er da noch nicht hintergekommen.

„Wie wär’s mit Club Casanova?“, schlug Daniel – verheiratet – vor.

„Bist du des Wahnsinns? Um acht Uhr abends ist es dort noch vollkommen leer. Und wir sind zu alt dafür.“ Meik sah seinen Freund an, als hätte er zu lange an den Windeln seiner Tochter gerochen. „Worauf hast du Lust, Luke? Du bist doch sozusagen unser Ehrengast heute, was heißt: Du hast die freie Wahl.“

„Ich habe Hunger. Wie steht’s mit Italienisch? Das, was die in den USA Pizza nennen, möchte ich nicht weiter erörtern.“ Der Boden der glutenfreien Pizza bestand aus Hackfleisch. Das war einfach nur falsch.

Der Kreis nickte und Finn, der Vierte im Bunde, der bereits mit drei Kindern gesegnet war – wie lebensmüde musste man sein –

schlug die kalten Hände aufeinander.

„Italienisch ist eine gute Idee. Giovanni’s?“

„Ist bestimmt überfüllt“, meinte Daniel. „Aber wir können es ja versuchen.“

„Ist das weit weg?“ Luke war nicht gerade scharf darauf, noch Stunden in der Kälte umherzuwandern.

„Gleich um die Ecke“, beruhigte ihn Meik.

Die Gruppe trottete los und stand wenige Minuten später vor dem genannten Lokal. Das Restaurant hatte eine breite Glasfront, durch die man die edlen, komplett überfüllten Esstische und die relativ rustikal eingerichtete Bar erkennen konnte.

„Das sieht verdammt schlecht aus.“ Meik reckte den Hals und Luke musste ihm zustimmen. Es sah aus, als säßen schon zwanzig Leute zu viel in dem Raum.

„Egal. Wir fragen mal nach“, sagte Finn.

Die kalte Luft drängte die Männer in den Eingangsbereich, an deren Garderobe dutzende von Jacken der Schwerkraft trotzten. Mehrere Pärchen und eine Kleinfamilie standen ebenfalls im Wartebereich und rückten langsam in das Restaurant, zu einem dunkelbraunen Holzpult vor, bei dem offenbar die Tische verteilt wurden. Luke konnte nicht erkennen, wer hinter dem Pult stand, weil ihm immer wieder die Sicht von irgendwelchen Menschen versperrt wurde und die Person dort nicht außerordentlich groß zu sein schien.

„Oh, es ist eine Frau. Glück für uns.“ Finn lachte und sah Luke auffordernd an.

„Glück für uns?“, wiederholte dieser die Worte seines Freundes. „Warum Glück?“

Die Menge hatte sich inzwischen gelichtet und jetzt konnte auch Luke einen Blick auf „ihr Glück“ werfen.

Eine blonde Frau, etwa Mitte zwanzig, die Luke in ihrem roten Blazer an eine der Fahrstuhldamen erinnerte, die in amerikanischen Hotels die Knöpfe für die Gäste drückten, schaute auf eine Liste und hakte irgendetwas ab. Ununterbrochen fielen ihr die Haare ins Gesicht, die sie im Sekundentakt wieder hinter ihre Ohren strich.

Sie war wirklich klein. Ihr Kopf würde wahrscheinlich nicht einmal sein Kinn berühren und ihre Faust sah aus, als könne Luke sie mit einer Hand umschließen.

„Die ist doch ganz süß, Luke.“ Meik boxte ihm gegen den Oberarm. „Findest du nicht?“

Süß war eigentlich ganz gut getroffen. Sie war keine umwerfende Schönheit, keine der Frauen, mit denen Luke gestern in der Zeitung abgelichtet worden war, aber ihr Gesicht konnte man durchaus als hübsch beschreiben. Und der Körper … na ja, nicht jeder konnte sein Leben in einem Fitnessstudio verbringen und Größe sechsunddreißig tragen.

„Hundewelpen sind auch süß. Darauf machst du mich aber nicht aufmerksam. Also warum …?“ Luke verengte die Augen und sah sich drei grinsenden Männern gegenüber. „Oh, nein!“

„Komm schon. Nur ein bisschen flirten. Dann kriegen wir schon einen Platz“, bemerkte Daniel.

Luke hob die Augenbrauen hoch. „Warum machst du das nicht?“

„Ich bin verheiratet“, meinte er abwehrend. „Es wäre ungehörig von einem verheirateten Mann zu flirten, nicht wahr?“

Aufmunternd klopfte Finn ihm auf die Schulter. „Außerdem siehst du von uns allen am besten aus und bist Profisportler, also top in Form. Da bleibt doch keine Frage offen, oder?“

Luke stöhnte laut. „Macht ihr das immer so? Schleimen, bis jemand nachgibt?“

„Das ist die deutsche Art, Alter.“

„Ich bin hier aufgewachsen, Finn. Und das ist sicherlich nicht die deutsche Art. Das wirkt eher sehr amerikanisch.“

„Du willst hier doch essen, nicht?“, fragte Meik langsam und sein Grinsen wurde immer breiter.

Ja, diese Kerle behandelten ihn wirklich so, als sähen sie sich jeden Tag.

Schön. Was sollte es? Es war ja nicht so, als hätte Luke ein Problem damit, zu flirten. Er musste ja nicht gleich mit dem Mauerblümchen ins Bett springen.

„Okay, ich opfere mich. Für die Runde. Und nachher gebt ihr mir einen aus.“

 

Was zum Teufel lungerten diese Kerle da im Eingangsbereich herum? Sie sahen aus wie Hundewelpen, die darauf warteten, abgeholt zu werden. Und jetzt klopften sie sich auch noch auf die Schultern. Emma musste sich korrigieren: Sie sahen aus wie Neandertaler, die darauf warteten, abgeholt zu werden.

Einer der Neandertaler trat auf sie zu. Er schien Ende zwanzig zu sein und eigentlich hätte seine Größe sie einschüchtern sollen. Als sie jedoch dieses schmierige Lächeln auf seinem Gesicht sah, war sie sicher, dass sie es locker mit ihm aufnehmen könnte, wenn es darauf ankam.

Seine braunen Haare waren kurz geschoren und das kantige Gesicht wäre wahrscheinlich als attraktiv eingestuft worden, wenn er nicht dieses Lächeln auf den Lippen gehabt hätte, das ihn als viel zu selbstsicher entlarvte. Dem Körper nach zu urteilen, war er auch noch einer dieser Typen, die ihre Freizeit in einem stickigen Fitnessstudio verbrachten, um dann am Strand mit ihren Muskeln anzugeben.

Überhaupt nicht ihr Typ.

Sie log nur ein kleines bisschen.

„Hallo, schöne Frau.“ Der Mann stützte sich mit den Händen auf dem Pult ab und Emma zwang sich zu einem Lächeln.

„Hallo, fremder Mann. Kann ich Ihnen helfen?“

„Können Sie.“ Er fixierte Emma und sie musste zugeben, dass zumindest die blauen Augen etwas Sympathisches hatten. Vielleicht war er ja ganz nett. Sie wollte ja nicht zu schnell über diesen aufgeblasenen Egomanen urteilen.

„Meine Freunde und ich hätten gerne einen Tisch.“ Er nickte zu den anderen Neandertalern hin, die irgendetwas sehr lustig zu finden schienen.

Vielleicht hatten auch sie das schmierige Lächeln auf dem Gesicht ihres Freundes gesehen.

„Haben Sie reserviert?“

„Das haben wir leider versäumt.“

Emma hob die Augenbrauen und presste die Lippen kurz aufeinander. Er erwartete also, dass er für den heutigen Abend, mitten in der Rushhour, einen Tisch für vier Personen bekam?

Das schien ihr doch ein wenig zu optimistisch.

„Okay.“ Sie ging ihre Unterlagen durch und kam wie erwartet zu der Einsicht, dass das Restaurant vollkommen ausgebucht war. Sie klopfte mit ihrem Stift auf das Papier und schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber wir haben leider nichts frei.“ Entschuldigend zuckte sie die Schultern. „Wir sind heute Abend vollkommen ausgebucht.“

„Vollkommen?“ Der Mann lächelte noch immer, als würde das etwas an dem Sitzplan ändern.

„Vollkommen.“

Langsam schüttelte ihr Gegenüber den Kopf und rückte sich den weißen Hemdkragen zurecht. „Na ja“, er beugte sich nach vorne und seine Fingerspitzen strichen über ihren Unterarm, „man könnte ja etwas enger zusammenrücken …“

Ihr Arm bekam sofort eine verräterische Gänsehaut.

Na gut, vielleicht war er doch ein wenig ihr Typ! Was konnte sie dafür, dass Muskeln und ein attraktives Gesicht anziehend auf sie wirkten?

Gott sei Dank hatte er immer noch dieses falsche, unglaublich schmierige Lächeln aufgesetzt – das bewahrte sie davor, ihren Kopf zu verlieren.

„Nun, wenn Sie und Ihre Freunde sich nicht übereinanderstapeln wollen, haben wir immer noch nichts frei.“

Der Mann seufzte schwer. „Dieses Restaurant ist riesig, ich bin mir sicher, Ihrem hübschen Köpfchen wird etwas einfallen.“

Nun etwas ungeduldiger knackte Emma mit ihrem Kiefer. „Mein hübsches Köpfchen sagt mir, dass morgen Heiligabend ist und fragt sich gleichzeitig, wie Ihr schleimiges Köpfchen denken konnte, an dem Tag mit dem regsten Betrieb ohne Reservierung einen Platz zu bekommen.“

„Mhm. Wirklich sehr interessant, nur … Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie einen sehr schönen Mund haben?“

Verwirrt blinzelte sie ihn an. „Äh, was?“

„Ja. Sehr hübsch – noch besser würde er mir aber gefallen, wenn er in den nächsten Minuten die Worte ‚Wir werden Sie gleich zu Ihrem Tisch führen‘ bilden würde.“

Ungläubig klappte ihr die Kinnlade hinunter. „Nennen Sie das, was sie da tun, flirten?“

Er grinste. „Ja. Nett, dass Sie es bemerken.“

Kopfschüttelnd sah sie zu ihm hoch. Es war bewiesen: Je gutaussehender ein Kerl, desto dummer war er. „Sie nennen es flirten, ich nenne es peinlich. Meine Güte, haben Sie denn keinerlei Selbstachtung? Und zum letzten Mal: Wir haben keinen Tisch frei! Seien Sie das nächste Mal einfach ein bisschen weniger spontan!“

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Mannes und jetzt verengte er seine Augen. „Hören Sie.“

Er lehnte sich gegen das Pult. „Es ist nicht meine Schuld, dass Sie gerade Ihre Tage haben, würden Sie also …“

„Oh mein Gott!“ Sie hätte beinahe angefangen, laut zu lachen. „Warum stehen Sie immer noch hier? Es ist nichts mehr frei – und wenn ich meine Tage hätte, würde meine Faust schon in Ihrem Gesicht stecken. Glück für Sie also, dass Sie falschliegen.“

Der Mann bewegte sich immer noch nicht. Was sollte sie denn noch tun? Mit ihren Schuhen nach ihm werfen?

Wieder beugte er sich nach vorne und sein Anzug knisterte, als habe er Geld darunter versteckt.

„Sie haben also immer noch keinen Tisch frei?“

Emma wollte gerade entnervt den Mund aufmachen, da zog er etwas aus seiner Tasche und legte es vor sie auf den Tresen.

Mit hochgehobenen Brauen sah Emma auf das Holz. Er hatte also tatsächlich Geld in seinem Hemd versteckt. „Was ist das?“

„Ein Fünfzig-Euro-Schein.“

„Das sehe ich, aber warum liegt der da?“

„Ich dachte, Sie könnten mit diesem Schein vor Augen noch eine neue Perspektive auf die gegebenen Reservierungen bekommen.“

Langsam verschränkte Emma die Arme. Wenn Flirten nicht funktionierte, bestach er also? Sie würde gerne mal ein ernstes Wort mit dem Pfarrer seines Vertrauens wechseln.

„Sehe ich bestechlich aus?“, wollte sie langsam wissen.

„Nein, natürlich nicht. Sie sehen hinreißend aus – dennoch könnte ich mir vorstellen, dass Sie sich gerne mal wieder ein neues Paar Schuhe kaufen würden.“

Emma überlegte. Sie war wirklich schon lange keine neuen Schuhe mehr kaufen gegangen. Sie streckte den Arm aus und steckte das Geld ein. „Vielen Dank. So viel Trinkgeld hat mir noch nie jemand gegeben, der noch nicht einmal einen Platz bei uns bekommen hat.“

Ungläubig sah der Dunkelhaarige sie an. „Sie geben mir immer noch keinen Platz?“

Sie seufzte. „Ach, entschuldigen Sie, sind Sie Angela Merkel?“

„Wie bitte?“

„Barack Obama vielleicht? Oder Madonna? Oh, sind Sie ein Mafiaboss? Nein? Nicht einmal ein Teletubbie?“ Theatralisch hob sie die Schultern. „Dann tut es mir leid, Ihnen ein letztes Mal mitteilen zu müssen: Sie werden in diesem Restaurant innerhalb der nächsten drei Stunden keinen Platz bekommen.“

Der Blick des Mannes wurde düster. Düster stand ihm, fand sie. Wirkte ehrlicher.

„Schön“, knurrte er, „bekomme ich dann bitte mein Geld zurück?“

Verwirrt sah Emma ihn an. „Ihr Geld? Welches Geld?“

„Das, was ich Ihnen zugeschoben habe, Lady“, sagte er nun gar nicht mehr charmant.

„Zugeschoben?“ Emma legte eine Hand auf die Brust. „Aber Sie haben mir doch kein Geld zugeschoben. Denn das wäre doch versuchte Bestechung und somit eine Straftat. Nein, davon weiß ich nichts.“

Ruckartig drückte ihr Gegenüber seinen Rücken durch. „Schön. Behalten Sie es. Gehen Sie von dem Geld mal zum Frisör oder kaufen Sie sich einen sympathischeren Charakter.“

Gespielt ernst nickte Emma. „Vielen Dank, diesen Rat werde ich mir zu Herzen nehmen. Und Sie sollten sich ein Telefon kaufen, mit dem Sie dann Reservierungen machen können!“

Entweder hörte er ihren letzten Kommentar nicht mehr oder er reagierte einfach nicht.

Wahrscheinlich war es ihm nur peinlich, weil er nicht wusste, wie man ein Telefon kaufte.

 

Weiterlesen?