Mordsmäßig Unverblümt – Leseprobe

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Kapitel 1

Mein Tag war scheiße.

Nein, ‚Scheiße‘ war noch ein zu positives Wort. Mein Tag war wie Big Brother im Fernsehen mit Streichhölzern, die meine Augen offen hielten, keine Schokolade mehr im Haus und die Führerscheinprüfung zusammen!

Ich hatte zweitausend Tulpen geliefert bekommen, obwohl ich Rosen verlangt hatte und war von meiner Nichte mit einem Minigolfball am Kopf getroffen worden. Ganz offensichtlich hatte ich bei dem Aufprall des Balles meine letzte aktive Gehirnzelle verloren, denn das war die einzige Erklärung dafür, dass ich meiner kleinen Schwester ohne Widerworte meine Kreditkarte überlassen hatte. Zu allem Überfluss hatte ich seit sieben Stunden nichts mehr gegessen, wurde von meiner Mutter auf meinem Handy tyrannisiert – die seit drei Tagen pausenlos anrief, um herauszufinden, wie ich mit dem Zahnarzt hatte Schluss machen können – und kam zu spät zu meinem Termin mit einem jungen Brautpaar, das die Blumenarrangements besprechen wollte! Ach ja, außerdem war heute Montag! Montag!

Vielleicht war ‚Scheiße‘ doch das richtige Wort. Man konnte es ja beliebig oft wiederholen, um ihm die nötige Stärke zu verleihen.

Ich drückte das Gas durch und mein Auto beschleunigte von Null auf Zehn in zwanzig Sekunden, während der Motor vor Anstrengung ächzte. Die Uhr zeigte fünf vor vier an und ich stöhnte laut auf, nicht zuletzt, um mein erneut klingelndes Handy zu übertönen.

Ich würde es nie rechtzeitig schaffen, dabei brauchte ich den Auftrag! Ich war noch nicht lange im Blumengeschäft und brauchte jeden Job, den ich kriegen konnte. Die blöde Tulpenstornierung würde mich für diesen Monat wahrscheinlich wieder in die roten Zahlen treiben, aber das könnte ich mit ein, zwei Hochzeiten wieder reinbekommen. Vor mir schaltete die Ampel auf Rot und ich bog spontan nach links in einen kleinen Schleichweg ab, der die meisten Ampeln der Innenstadt umging, auf dem aber nur dreißig Stundenkilometer erlaubt waren.

Na ja, die Geschwindigkeitsbegrenzung war ja wohl doch eher eine Richtlinie. Ich schaltete in den dritten Gang, nur um nach zwanzig Sekunden wieder zurückzuschalten, weil ein schickes schwarzes Auto vor mir die Idee mit den Richtlinien offenbar nicht ganz verstanden hatte.

„Komm schon! Rechts ist das Gas! Rechts!“, brüllte ich und trommelte nervös mit den Fingern auf das Lenkrad. Mein Handy fing erneut an zu klingeln und fluchend tastete ich mit meiner Hand danach, um es auszuschalten, während ich den Fuß noch etwas vom Gas nahm. Wenigstens nach dem Stoppschild würde ich den Schleicher vor mir loswerden!

Ich versuchte nach dem Handy auf dem Beifahrersitz zu greifen, stieß es stattdessen aber in den Fußraum.

Gott, ich musste den Klingelton ändern. Die Titelmusik von Darth Vader war zwar am Anfang lustig gewesen, aber jetzt, da meine Mutter so oft anrief, war sie einfach unerträglich. Wann schaltete sich endlich die Mailbox ein? Ich sah auf die Straße, wurde noch ein bisschen langsamer und ließ mich dann schnell zur Seite gleiten, um das Telefon zu bergen.

Dass das Auto vor mir angehalten hatte, bemerkte ich erst, als jemand laut hupte, mein Kopf nach oben schnellte und ich panisch Bremse und Kupplung durchdrückte.

Mein Auto war zwar langsam, aber nicht langsam genug.

Der alte Passat stieß mit einem zarten Scheppern und den restlichen fünf Stundenkilometern in den Wagen vor mir.

Den schicken schwarzen, neuen Audi A5.

Oh, verdammt!

Leise fluchend schloss ich die Augen und stellte den Motor ab. Ich hätte im Bett bleiben sollen. Als die Spinne sich auf mein Kopfkissen abgeseilt hatte, hätte ich das als Omen sehen und einfach liegen bleiben sollen!

Jetzt war es zu spät.

Aber vielleicht hatte ich ja Glück. Vielleicht saß ein älterer, liebenswürdiger Herr in dem Audi, der mit einer wegwerfenden Handbewegung sagte, dass ich ihn ja nur leicht angestupst hatte.

Die Tür des Audis glitt auf und jede Hoffnung wurde zerstört. Mit zwei langen, in Jeans verpackten Beinen voran, stieg die personifizierte Wut vom Fahrersitz.

Dieser Mann war beängstigend. Beängstigend groß, beängstigend durchtrainiert und beängstigend … heiß.

Ende zwanzig, Anfang dreißig vielleicht, kurze braune Haare, hellbraune Augen … oh. Nein, jetzt waren sie wütend und dadurch vermutlich dunkelbraun geworden.

Trotzdem – seine einschüchternde Energie schadete seiner Attraktivität nicht im Geringsten.

Hitze stieg in meine Wangen und mit einem immer größer werdenden Kloß im Hals zog ich den Schlüssel ab und stieg aus. Das Handy klingelte immer noch und es war, als würde Darth Vader selbst auf mich zukommen.

„Haben Sie keine Augen im Kopf?“, brüllte er.

Blinzelnd sah ich ihn an.

Schön. Ich war abgelenkt worden und der Unfall war natürlich meine Schuld – aber deswegen musste er doch nicht gleich brüllen! Meine Mutter wäre entsetzt über dieses Verhalten. Höflichkeit war etwas, das viele Menschen verlernt zu haben schienen.

„Habe ich. Ohren übrigens auch, also, könnten Sie vielleicht Ihre Stimme senken?“

Der Mann kniff die Lippen zusammen. „Sie sind mir hinten drauf gefahren! Nur weil Sie Ihren Führerschein mit einem Rubbellos gewonnen haben, sollte ich mich nicht beherrschen müssen!“

Das reichte! Mein Tag war sowieso schon bescheiden genug und er hatte nicht das Recht mich so anzufahren, nur weil ich sein Heck ein wenig angestupst hatte! Man konnte noch nicht einmal groß was sehen! Vielleicht eine klitzekleine Einbeulung am Stoßdämpfer und ein, zwei Kratzer an den Rückleuchten.

„Zu einem Unfall gehören immer zwei!“, fauchte ich deshalb zurück.

Seine Augen wurden ungläubig groß. „Wie bitte?“

Wütend und frustriert warf ich meine Hände in die Luft. „Na ja, wer hält heutzutage noch an einem Stoppschild? Das kann ich doch nicht ahnen, dass Sie der einzige Mann auf der ganzen Welt sind, der sich an die Verkehrsregeln hält und fünf Sekunden lang vor dem Scheißding stehen bleibt!“

„Sie werfen mir vor, dass ich korrekt gefahren bin?“

Ja, genau das. Aber laut ausgesprochen hätte das bescheuert geklungen, deswegen änderte ich den Satz ein wenig ab. „Nein, ich werfe Ihnen vor, dass Sie überkorrekt gefahren sind!“

„Was reden Sie da? Man kann nicht überkorrekt an einem Stoppschild halten! Entweder man hält oder man hält nicht!“ Er machte noch einen Schritt auf mich zu und überragte mich nun um einen ganzen Kopf. „Sie haben in Ihrem Fußraum herumgewühlt!“

Ich vergaß immer, dass normale Autos tatsächlich funktionierende Rückspiegel besaßen. „Na ja … wenn Sie meine Mutter kennen würden, könnten Sie das verstehen“, verteidigte ich mich sofort und überkreuzte die Arme, „es war eine Notwendigkeit, im Fußraum nach meinem Handy zu suchen.“

Seine Miene blieb versteinert und innerlich seufzte ich tief. Mir war selbst bewusst, dass meine Argumentation ein paar gigantische Lücken aufwies.

„Schön! Ich hab einen Fehler gemacht“, lenkte ich ein, „können wir das so regeln oder wollen Sie die Polizei rufen?“

Von oben herab musterte er mich. „Ich bin die Polizei.“

Oh, verdammt. Mein Tag erreichte gerade endgültig den Nullpunkt. Das konnte ja nur mir passieren, dass ich einem Bullen reinfuhr, der auch noch seine Tage zu haben schien!

Ich rieb mir mit meiner flachen Hand über die Stirn und schloss die Augen. Wieso produzierte der Körper eigentlich nicht auf natürliche Art und Weise Aspirin, wenn man es brauchte?

„Und jetzt?“, fragte ich schließlich etwas müde. „Ziehen Sie das ganze Programm ab? Fotos, Kreidestriche und Sirenen?“ Es war vielleicht nicht die beste Idee, den Polizisten auch noch zu provozieren, aber es war meine einzige.

„Ich sollte Sie schon alleine dafür verhaften, dass Sie mit dieser Rostlaube fahren!“, knurrte er und nickte in Richtung meines Autos.

„Sie ist durch den TÜV gekommen.“ Mein Onkel arbeitete als Prüfer.

„Sie hat eine gelbe Plakette! Welches Auto hat heute noch eine gelbe Umweltplakette?“

„Klassiker?“, schlug ich vor, obwohl mir durchaus bewusst war, dass der alte VW-Passat keine zweihundert Euro auf dem Markt bringen würde.

Er verengte die Augen. „Nein, Dreckschleudern haben eine solche Plakette. Darf man damit hier in Köln überhaupt fahren? Sind gelbe Plaketten nicht mittlerweile verboten?“

Gott sei Dank handelte es sich hier offenbar nicht um einen Verkehrspolizisten. Ich räusperte mich schnell. „Also, ich müsste zu einem Termin – könnten wir das hier etwas beschleunigen? Es ist doch wirklich kein großer Schaden …“ Ich sah zu den beiden Autos und musste grinsen, als ich bemerkte, dass man dem Passat nichts ansah. Er war unzerstörbar.

Etwas genervt lenkte der Polizist ein. „Schön. Geben Sie mir Ihre Daten: Nummernschild, Name, Anschrift, Telefonnummer, Versicherungsdaten …“

„Wow, Sie gehen aber ran!“, scherzte ich, verstummte jedoch bei seinem Blick und hustete nur „sorry“, während ich ein zerknittertes Stück Papier aus meiner Handtasche zog, um seinen Anweisungen Folge zu leisten.

Auf dem eigentlich als To-Do-Liste gedachten Papier stand bereits: „Beschissene Tulpen sind keine verdammten Rosen, Beruf verfehlt? – Rede halten“ (Worte, die für meine Angestellte bestimmt waren, die die Blumen angenommen hatte), „Mutter: Definition von Privatsphäre raussuchen“ und „SCHOKOLADE!“. Na ja, jetzt standen da auch noch mein Name, Louisa Manu, und die restlichen Daten, die verlangt worden waren. Damit musste Herr Grumpig wohl zurechtkommen.

„Hier.“ Ich reichte ihm das Papier und steckte den Stift zurück in das vordere Fach meiner Tasche. „Zufrieden?“

Sein Blick war so missbilligend, dass er glatt von meiner Mutter hätte sein können. „Ich hoffe für Sie, dass das Ihre richtigen Daten sind.“

Ich stieß zischend Luft aus. „Für wen halten Sie mich eigentlich? Für eine Kriminelle, die zweimal am Tag ihre Nummernschilder austauscht?“

„Verbrecher erscheinen in den überraschendsten Aufmachungen.“

Blödmänner auch.

Zuckersüß warf ich ihm von unten herauf einen Blick zu. „Wow, Ihr Beruf hat Sie ja wirklich nicht voreingenommen werden lassen.“

„Ich bin Realist“, sagte er sachlich und zog mir das Papier aus den Fingern.

„Bescheuertist trifft es wohl eher“, murmelte ich und wandte mich zu meinem Auto um. Was für eine Schande. So eine schöne Verpackung an so einen Mann verschwendet!

„Das Einzige, was bescheuert ist, sind die Blumenaufdrucke auf Ihren Türen!“, erwiderte er trocken.

„Das ist Werbung für meinen Laden!“

„Es steht kein Name dran!“

Ja, den hatte ich mir noch nicht leisten können. „Der ist in Arbeit!“, motzte ich und öffnete die Tür.

„Sie hätten erst den Schriftzug machen sollen!“

Ich schob meine Unterlippe vor. „Und Sie sollten sich öfter einen Regenbogen anschauen, vielleicht hilft das ja Ihrer inneren Ausgewogenheit!“, rief ich, bevor er die Tür zuschlug und innerhalb von Sekunden nur noch seine von mir zerschrammten Rücklichter zu sehen waren.

Kopfschüttelnd schnallte ich mich an und steckte den Zündschlüssel ein. Wenigstens gab es jetzt einen Lichtblick: Schlimmer konnte der Tag nicht werden.

Was für eine Fehleinschätzung …

 

„Das Brautpaar hat nicht einmal bemerkt, dass ich eine halbe Stunde zu spät gekommen bin! Sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig mit Torte zu füttern und sich anzuschmachten.“

„Da hört sich aber jemand verbittert an“, amüsierte sich meine beste Freundin am anderen Ende der Leitung. „Darf ich dich daran erinnern, dass du diejenige warst, die mit dem Zahnarzt Schluss gemacht hat?“

Ich wechselte die Hand, in der ich das Telefon hielt, um meinen Arm auch durch den anderen Ärmel meiner Jacke zu stecken. Es war Oktober und die Tage wurden so langsam kälter. „Er hatte ein Bild von einem faulen Zahn auf seinem Nachttisch – weil es ihn daran erinnerte, gegen was er kämpfte!“

Ari kicherte. „Ich habe nicht angezweifelt, dass es die richtige Entscheidung war. Drei Monate waren eigentlich schon viel zu lang.“

„Danke!“, bestätigte ich. „Jetzt musst du genau diese Worte nur noch meiner Mutter sagen und du bist meine Heldin!“

„Ich habe es geschafft, Schokolade zu meinem Beruf zu machen, ich bin sowieso schon deine Heldin!“

Da war etwas Wahres dran. Ariane war zwar gelernte Konditorin, hatte sich aber auf Schokolade spezialisiert. Sie setzte Schokofiguren zusammen und nannte es Kunst. „Nein, ernsthaft“, stöhnte ich, „sie treibt mich in den Wahnsinn. Ihretwegen habe ich heute einen Unfall gebaut und bin einem Polizisten hinten drauf gefahren.“

„Uh, Stripperpolizist?“

Ich verdrehte die Augen. „Echter Polizist.“ Heißer Polizist. Blöder Polizist. Die Liste war lang.

„Oh, Mist. Ist es ein großer Schaden?“

„Überhaupt nicht, ich hab ihn nur leicht angestupst, aber er hat sich aufgeregt, als wäre ich mit einem Vorschlaghammer auf seine Windschutzscheibe losgegangen!“

„Männer haben eine Verbindung zu ihren Autos, das ist wie mit uns und unseren Schuhen.“

„Sprich für dich selbst. Ich besitze vier Paar und zwei davon ziehe ich nicht an … aber darum geht es jetzt auch gar nicht.“

„Worum dann, wenn schon nicht um dein besorgniserregendes Schuhverhalten?“, lachte sie durch den Hörer.

„Es geht darum, dass ich siebenundzwanzig bin und meine Mutter schon davon redet, dass meine Eizellen nur noch Walzer statt Lambada tanzen.“

Ich bog nach rechts um eine Ecke und konnte schon von weitem das Schild vom Supermarkt erkennen. Ich wollte noch schnell etwas einkaufen, bevor ich in Ruhe nach Hause fahren, mich mit meinem Kater Twinky auf die Couch legen und mir die Top Fünf der besten Wege ausdenken konnte, wie man jemanden zum Schweigen brachte, ohne in den Knast zu wandern. Vielleicht sollte ich meinen Ex anrufen und ihn fragen, ob er mir was von dem Betäubungsmittel für die Lippen verkaufen würde. Wie illegal konnte das schon sein?

„Ach, deinen Eizellen geht es fantastisch!“, widersprach Ari loyal. „Sie feiern Kölner Karneval.“

„Danke, das habe ich ihr auch gesagt. Was sie aber nicht von ihrem Telefonterror abhält! Sie … oh, wie hübsch.“ Ich blieb abrupt stehen und betrachtete den Haufen Sperrmüll vor mir, der am Straßenrand stand und einladend über mir aufragte.

Ich liebte alte, benutzte Sachen. Sie hatten eine Geschichte und warteten nur auf jemanden, dem sie sie erzählen konnten. Zersägte Stühle stapelten sich auf einer abgewetzten Polstercouch und ein rostiges Bettgestell verdeckte die Sicht auf den Rest. „Ari, ich rufe dich sofort zurück, ja? Ich sehe lauter kleine Wunder vor mir!“

Meine beste Freundin stöhnte. „Du hast wieder einen Stapel Müll entdeckt, oder? Das wird langsam zur Besessenheit. Es hat einen Grund, dass Leute die Dinge wegschmeißen!“

„Ja, sie wollen, dass ich sie finde! Bis gleich.“ Ich legte auf und ließ das Handy in meiner Jeanstasche verschwinden. Freudig klatschte ich in die Hände. Das war besser als Flohmarkt – denn hier war alles umsonst.

Sorgfältig darauf bedacht, nichts zu beschädigen – oder zumindest weiter zu beschädigen – kletterte ich in dem Berg herum und hob verschiedenste Dinge an. Nach zehn Minuten musste ich enttäuscht feststellen, dass das Meiste zu zerstört oder zu hässlich war, um ihm nähere Beachtung zu schenken. Gerade als ich aufgeben und meinen Weg zum Supermarkt fortsetzen wollte, fing mein Blick plötzlich doch etwas Interessantes ein. Ein handgroßes, quadratisches Kästchen aus Holz lugte unter einem Kissen hervor. Vorsichtig griff ich danach und strich mit der flachen Hand über die obere Seite.

Vier goldene Ornamente umschlangen sich kunstvoll und formten zwei ineinandergeschobene Unendlichkeitszeichen. Die Ränder waren mit Mandala artigen Mustern versehen, die ebenfalls mit Gold nachgezogen worden waren. Bis auf einen daumengroßen, rötlichen dunklen Fleck in der unteren linken Ecke schien es noch wie neu. Was für ein Glück musste man haben!

Ich hob es über meinen Kopf, um zu sehen, ob es von allen Seiten so gut erhalten war und runzelte die Stirn. Es roch merkwürdig. Nicht nach Holz oder Lack, sondern nach etwas, das ich nicht definieren konnte. Ich kam nicht darauf, doch der Geruch ließ merkwürdigerweise das Gesicht meiner kleinen Schwester Emily in meinem Kopf aufblitzen. Er erinnerte mich an sie oder an etwas, was ich schon einmal mit ihr gemacht hatte.

Mhm, keine Ahnung.

Ich ließ den Arm wieder sinken und spürte, wie etwas gegen die Schachtelinnenseite rollte. Überrascht ließ ich das Kästchen sinken. Hatte der Besitzer etwa vergessen hineinzusehen, bevor er es weggeworfen hatte? Vielleicht war noch ein Ring darin oder anderer Schmuck?

Ich löste den Clip, der die beiden Seiten zusammenhielt, öffnete den Deckel … und musste würgen.

Den Würgereiz unterdrückend, wandte ich mein Gesicht ab und ließ den Deckel mitsamt Kästchen fallen.

Oh Gott! Atmen. Atmen. Ich brauchte Luft! Luft und ein neues Augenpaar und vielleicht auch noch neue Nasenschleimhäute, wenn die gerade im Angebot waren.

Mir wurde schwarz vor Augen und ich beugte mich nach vorne, um den Kopf zwischen meine Beine zu stecken, so wie sie es einem immer in den Fernsehfilmen raten. Doch als mein Blick wieder auf das geschlossene Kästchen zu meinen Füßen fiel, wurde mir nur noch schwindeliger und übler.

Mit klammen Fingern zog ich mein Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer, die mir meine Mutter seit dem ersten Jahr im Kindergarten jeden Tag aufgesagt hatte – die ich aber noch nie hatte wählen müssen.

„Polizeinotruf, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Hallo, ich glaube, ich … habe einen Finger gefunden – ohne Mensch dran!“ Das war auch alles, was ich an Worten zustande brachte, bevor ich mich in den nächstbesten Vorgarten übergab.

 

Kapitel 2

 

Es dauerte zwölf Minuten und achtzehn Sekunden bis die Polizei eintraf. Zwölf Minuten und achtzehn Sekunden, in denen ich würgte, meinen Mund abwischte und erneut würgte. Und als ich sah, was für ein Auto hinter dem Streifenwagen parkte, kam mir auf ein Neues mein Mageninhalt wieder hoch.

Es war ein Audi A5 mit einer kleinen Delle im Heck und zerkratzten Rücklichtern und heraus trat niemand anderes als Herr Grumpig persönlich.

Oh mein Gott – die Talfahrt setzte sich fort und ich schwor mir, nie wieder den Tag zu verhexen, indem ich dachte, dass es ja nicht mehr schlimmer werden konnte.

Der Finger hatte mir den Rest gegeben. Ich war selbst überrascht, dass ich nicht in Ohnmacht gefallen war.

Ich konnte kein Blut sehen. Mir wurde ja schon schwindelig, wenn ich nur daran dachte, dass jemand sich mit einer Nadel in den Finger stach. Da war es doch verwunderlich, dass abgehackte Gliedmaßen nur einen Brechreiz bei mir hervorriefen.

Ich blieb neben dem Kästchen stehen, das immer noch vor meinen Füßen lag, und sah mich um. Die letzten Minuten war ich von der irrationalen Angst getrieben worden, dass irgendjemand hier auftauchen könne, um mir das Kästchen wieder wegzunehmen. Vor der Polizei wie eine Idiotin dazustehen, die sich Dinge einbildete, wäre die Kirsche auf der Torte gewesen, mit der ich mich heute hatte rumschlagen müssen.

„Sind Sie Louisa Manu? Die Frau, die meint, sie habe einen Finger gefunden?“ Ein uniformierter Polizist war aus dem Streifenwagen gestiegen und sah mich fragend an, während er an seinem Gürtel seine Hose etwas höher zog.

Die unmännlichste Geste der Welt.

Ich presste die Lippen aufeinander und verlagerte mein Gewicht etwas nach hinten. „Sehen Sie etwa noch jemanden, der aussieht, als habe er sich gerade dreimal übergeben?“, zischte ich.

Der Uniformierte wurde rot. „Nein … natürlich nicht. Das war nur fürs … Protokoll.“

Herr Grumpig trat neben ihn und sah mich von oben herab an. Den Blick hatte er wirklich drauf. „Wenn Sie mich wiedersehen wollten, hätten Sie doch was sagen können“, grinste er. Ich schenkte ihm keinen Blick.

Der Polizist sah verwundert zwischen uns hin und her. „Sie kennen sich?“

Schnell schüttelte ich den Kopf. „Nein. Würden Sie bitte fortfahren?“

Verwirrt zog er einen Block aus seiner Gesäßtasche. „Nun ja. Mein Name ist Kramer und das ist Joshua Rispo von der Kriminalpolizei. Sollten Sie wirklich einen Finger gefunden haben …“

„Was heißt hier wirklich?“, fuhr ich ihn an und drückte meinen Zeigefinger auf seine Brust. „Es ist ein beschissener rot lackierter Ringfinger!“

Der Polizist lief puterrot an und starrte auf meinen Finger auf seiner Brust. „Nun gut, abgehackte Körperteile sind dein Fachbereich, Rispo.“ Hilfesuchend blickte er zu seinem Kollegen hoch, dessen Gesichtszüge kaum verbergen konnten, wie amüsant er die ganze Situation fand. Tatsächlich sah er viel weniger wütend aus als noch heute Mittag.

„Warten Sie dort drüben Kramer. Ich mach das schon. Und nehmen Sie es nicht persönlich: Sie ist scheinbar zu jedem so unhöflich.“

„Ich bin nicht unhöflich“, brüllte ich jetzt. „Ich bin hysterisch! Hat Ihnen denn niemand beigebracht, dass man zuerst das Opfer besänftigt, bevor man Mutmaßungen darüber tätigt, ob es einen anlügt?“

Rispo zuckte mit keiner Wimper. „Bei dem Seminar muss ich gefehlt haben.“

Mein Mund blieb offen stehen und wäre ich die Medusa, wäre Kommissar Joshua Rispo sofort zu Stein geworden.

Er seufzte. „Kommen Sie. Jetzt zeigen Sie schon den Finger.“

Ich reckte meinen Mittelfinger in die Höhe.

Düster schob er meine Hand aus seinem Gesicht. „Den anderen.“

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