Mordsmäßig verstrickt – Leseprobe

Louisa Manu ist ein wirklicher Pechvogel. Sie stolpert über eine Leiche und ausgerechnet Zoohändler Kai, der Sohn ihrer Angestellten Trudi, hockt mit der Tatwaffe über dem Toten. Doch er ist unschuldig. Das hat sie im Gefühl.  Jetzt muss sie das nur noch Rispo verklickern.

Das Polizeipräsidium war mir allzu vertraut. Vertrauter als so manchem Kleinkriminellen, könnte man meinen. Es war ein grauer Betonklotz, der deprimierender war als mein Privatleben.

Ich stieg aus dem Wagen und Rispo folgte meinem Beispiel. Er lief um die Motorhaube herum und erst dann sah ich ihn zum ersten Mal an diesem Tag wirklich an. Ohne eine Leiche neben mir, ohne Panik, ohne Würgreflex.

Joshua Rispo. Verdammt.

Ich hatte ihn seit zwei Wochen nicht gesehen, und in der Zeit war er leider weder fett noch hässlich geworden. Zum Anbeißen wäre vielleicht der richtige Ausdruck.

Er hatte sich die letzten zwei Tage nicht rasiert und seine Haare waren wohl geschnitten worden. Jedenfalls hingen sie ihm nicht mehr in die Augen. Er hatte dieselben Muskeln, dieselben starken Arme und geschrumpft war er auch nicht. Oh Mann. Rispo brachte mich auf Ideen. Ideen, von denen ich wusste, dass er sie skandalös gut umsetzen konnte. Dieser Mistkerl.

„Willst du deine Gedanken mit mir teilen oder mich einfach nur noch ein bisschen anstarren?“

Ruckartig wandte ich ihm den Rücken zu und lief auf die breite Eingangstür der Hauptwache zu. Ich sollte mich auf seine Fehler, nicht auf seine körperliche Perfektion konzentrieren. Wer wollte schon Perfektion? Langweilig.

Ich stieß die Tür zum Empfangsraum der Station auf und hob überrascht die Augenbrauen, als ich meinen Bruder erkannte, den Rücken gegen die Rezeption gelehnt.

Jannis hatte meine Augen – oder ich wohl eher seine –, war aber ansonsten sieben Jahre älter, zehn Zentimeter größer und eine Hochzeit und zwei Kinder weiter als ich im Leben. Im Moment lächelte er so breit, dass er mich an eine seiner Töchter erinnerte, und nicht an meinen großen Bruder, der mir mit sechszehn Jahren verbot, Alkohol zu trinken.

„Na, Loubalou? Bist du mal wieder in einen Mord gestolpert? Mama wird begeistert sein. Durch dich findet sie noch zur Religion.“

Ich stöhnte. An meine Mutter hatte ich bis eben noch gar nicht gedacht. Jetzt war sie in ihrem Club-der-gelangweilten-Frauen nicht nur die Mutter der Frau, die einen Finger im Sperrmüll gefunden hatte, sondern auch die Mutter der Frau, die einen Mann gesehen hatte, aus dessen Hals eine Stricknadel ragte.

„Was tust du hier, Jannis?“

Er hob eine Schulter. „Kais erster Anruf ging an Trudi, Trudis erster Anruf ging an mich. Sie hat mich engagiert. Sie wollte eben den Besten haben.“

Jannis war Anwalt für Strafrecht und seinem Ego und dem, was man hörte, nach zu urteilen, gut in dem, was er tat. Nicht, dass ich die Qualifikation gehabt hätte, das vernünftig zu beurteilen. Für mich waren Anwälte nichts anderes als Männer im Anzug, die mit Paragraphen um sich warfen. Entschuldigung: Männer und Frauen im Anzug.

„Hey, Manu.“ Rispo war hinter mir durch die Tür getreten und reichte Jannis die Hand.

„Rispo.“ Mein Bruder erwiderte den Handschlag mit einem Lächeln.

Verblüfft blickte ich von einem zum anderen. Kannten sie sich? Waren sie sich beim letzten Mord begegnet? Ich meinte, mich daran erinnern zu können, dass sie sich jedes Mal verpasst hatten.

„Ihr kennt euch?“, fragte ich deshalb.

„Er hat letztens für mich ausgesagt“, erklärte Jannis.

„Oh.“ Ich wusste nicht, ob mir das gefiel.

Rispo schien meine Gefühlslage nicht zu interessieren.

„Du übernimmst also die Verteidigung für Kai Freimann?“, fragte er.

„Jap.“ Jannis nickte.

„Viel Spaß dabei. Die Beweislage ist eind…“

„Er ist unschuldig“, schnitt ich Rispo das Wort ab, jetzt mehr überzeugt davon denn je.

Natürlich, er hatte über der Leiche gehockt, aber er hatte panisch gewirkt, und das Blut an seiner Kleidung musste davon kommen, dass er versucht hatte, die Blutung des Paketboten zu stoppen. Kai war kein Mörder. Muttersöhnchen waren keine Mörder! Das wusste doch jeder!

„Jannis, er ist unschuldig“, wiederholte ich noch einmal, für den Fall, dass ich nicht deutlich genug gewesen war. „Du musst …“

Mein Bruder legte einen Arm um meine Schultern und presste dann von der anderen Seite die Hand auf meinem Mund.

„Du redest mir schon wieder zu viel, Loubalou. Dich befrage ich nachher noch, vielleicht solltest du dir also lieber ein paar Worte sparen. Außerdem, als ich das letzte Mal nachgeguckt habe, warst du keine Anwältin – hast also keine Ahnung davon, was ich muss.

Rispo grinste breit. „Ich mag deinen Bruder.“

Ich leckte Jannisʼ Hand an, wie in alten Zeiten, und er ließ sie fallen. Rispo ignorierte ich. Damit fuhr man bei ihm sowieso besser.

„Jannis, ich weiß ja, dass alle sagen, dass du gut bist“, seufzte ich, die Arme verschränkt. „Aber … bist du gut genug, um jemanden herauszuhauen, der wegen Mordes angeklagt wird?“

„Ach“, Jannis machte eine wegwerfende Handbewegung. „Kaum jemand wird wegen Mordes angeklagt. Das denken nur immer alle. Meistens wird auf Totschlag plädiert.“

„Wow“, sagte ich tonlos. „Das macht es ja viel besser.“

„Tut es“, bestätigte Jannis lächelnd. „Und jetzt reg dich ab. Das ist mein Beruf, Lou. Ich habe es drauf, und wenn Kai tatsächlich unschuldig ist, dann hat er nichts zu befürchten. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mit meinem Klienten reden – bevor Rispo dazukommt und anfängt, ihn auseinanderzunehmen.“

„Ich gebe dir fünf Minuten“, warnte Rispo ihn vor.

Jannis winkte ab und verschwand dann in einem der Gänge, von denen ich nie wusste, wo sie endeten. Einer führte sicherlich nach Narnia oder in Charlies Schokoladenfabrik. Rispo folgte ihm mit seinem Blick, und ich stieß mit der Hand gegen seine Schulter, um seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

„Er ist unschuldig, Josh“, wiederholte ich fest.

Josh schnaubte. „Das kannst du nicht wissen.“

„Er hatte kein Motiv!“

„Auch das kannst du nicht wissen.“

„Na ja …“ Mist. Er hatte recht. Ich konnte nichts von alledem wissen. „… ich habe das einfach im Gefühl.“

Interessiert verschränkte Rispo die Arme und lehnte sich auf seine Fersen zurück. „Lass mich raten: Er hatte eine Affäre! Ein Verbrechen aus Leidenschaft.“

Ich verdrehte die Augen. „Nein.“

„Was? Keine neue Affären-Theorie?“

„Nein. Es ist eben nur dieses Gefühl, dass …“

„Gott im Himmel! Ich habe das Gefühl, dass du mir gerade Kopfschmerzen bereitest.“

„Du arbeitest zu viel, daher müssen deine Kopfschmerzen kommen. Außerdem runzelst du zu oft die Stirn. Das kann nicht gut für den Druck sein, der auf dein Gehirn ausgeübt wird. Also, wegen der Unschuldssache …“

Rispo legte sich eine Hand über die Augen. „Was denn, hat etwas am Tatort komisch gerochen? Hat der Geruch dich an deine Schwester erinnert?“

„Nun ja, es hat komisch gerochen … aber ich meine, es ist eine Zoohandlung, natürlich …“

„Hattest du vielleicht deinen Kater dabei, der dir sagen konnte, ob der Mörder sympathisch war?“

Ich lief leicht rosa an. Rispo spielte auf meine nicht allzu traditionelle Beweisführung vom letzten Mal an, und ich konnte ihm da leider wenig entgegensetzen. „Er ist unschuldig!“

Er schnaubte. „Jaja, komm“, dann zog er mich am Ellenbogen mit in einen der mysteriösen Gänge. „Ich bring dich erstmal zu deinem Protokollanten.“

„Aber …“

„Kein Aber. Nicht dein Job, Lou. Du hast deine Blumen, ich meine Mörder. Kriegʼ das endlich in deinen Kopf!“

Ja, nur … warum konnte ich nicht Blumen und Mörder haben?

 

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